Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 165 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 165 getrennt hat, immer unerquicklicher geworden. Fast unmittelbar, nachdem Pückler sich in der Gerichtsverhandlung am 24. Januar noch erfolgreich gegen »die Untersuchung auf seinen Geisteszustand'' gewehrt und die Vertagung der Verhandlung veranlaßt hatte, sind wieder vom Untersuchungsrichter die Mitglieder des Bureaus anderer Pückler - Versammlungen vernommen worden, in denen der Graf sich nicht nur über den Kolonialdirektor Dernburg beleidigend geäußert, sondern auch die »Richter in Moabit" mit Schmähungen überhäuft hat. Auf den Ausgang dieser Tragikomödie darf man wirklich gespannt sein; der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, aber dieses zum Ueberlaufen volle gräfliche Gefäß wird so schonend behandelt, daß es immer noch eine Weile dauern kann, bis es in Scherben geht. Als ein Antisemit von weit größerer Bedeutung hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte der Wiener Bürgermeister Dr. Carl Lueger erwiesen, der lebensgefährlich erkrankt und bereits mit den Sterbesakramenten versehen worden ist. Auf seinem Schmerzenslager wurde ihm der päpstliche Segen und durch die Verleihung des Großkreuzes des Franz Josef-Ordens eine Gunstbezeugung des greisen Kaisers von Oesterreich zuteil, der sich einst beharrlich geweigert hatte, Lueger als Bürgermeister zu bestätigen. Diese Genugtuung kann ihm aber kaum den Schmerz darüber verwinden helfen, daß es ihm versagt ist, die Fortsetzung des von ihm begründeten Werkes einer »christlich-sozialen" Stadtverwaltung durch einen ebenbürtigen Nachfolger gesichert zu sehen. Der sterbende Volkstribun hat vielmehr noch den beginnenden Zerfall des Werkes vor Augen, das auf dem schwankenden Boden der Volksgunst errichtet war. In der letzten Zeit ist bereits in der christlich-sozialen Wählerschaft Wiens eine Gärung zu Tage getreten, die sich gegen die bisherige Vertretung der Interessen des Gewerbestandes durch die christlich-sozialen Führer richtete. Dieser Umschwung kam deutlich zur Geltung in einer am 3. Februar abgehaltenen Maffenversammlung der zwei größten Genossenschaften Wiens, der Schuhmacher und der Schneider, die bisher den Christlich-Sozialen blindlings gefolgt waren. Der Antisemitismus wurde dabei setzt als leeres Schlagwort bezeichnet, das den Gewerbetreibenden nicht im geringsten geholfen habe. Den christlich-sozialen Abgeordneten