Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 162 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316757--16149-2338043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 Zm deutschen Reich. Berner kommt dabei zu dem Schlüsse, daß das heutige Christentum wesentlich an zwei Schäden leide, an seinen polytheistischen Elementen, die durch die Berührung mit dem Heidentum entstanden seien, vor allem aber an seiner scholastischen Dogmatik. In dem gegenwärtigen Kampfe gegen den Unglauben könne das Judentum, in dem die stärksten historischen Wurzeln des Monotheismus liegen, sür die Neubildung des Christentums sehrwesentliche Dienste leisten. Die Bekehrung der Juden zu einem noch polytheistisch gefärbten und durch scholastische Dogmatik verunstalteten Christentum sei durchaus nicht wünschenswert, bestehe doch seine historische Mission, wenn man einmal von allem Prophetismus absieht, in der entschiedenen Behauptung des reinen Monotheismus. Diesen wollte Berner für das Christentum unter Zuhilfenahme des Judentums zurückerobern; aber er gab dabei dem Wunsche Ausdruck, daß dann sich die Juden einem so geläuterten Christentum anschlössen. Man kann ihm, dem im Christentum erzogenen, diesen „frommen" Wunsch nicht verübeln, ohne ihm sonst irgendwie eine Berechtigung zuzugestehen. Seine Ausführungen sind aber als ein Zugeständnis von jener aufgeklärten christlichen Seite zu schätzen, die sich mehr und mehr der Erkenntnis erschließt, daß in des Judentums Wesen doch vieles liege, woran die ganze Menschheit einst genesen könnte. Dieses ehrliche Ringen um die Wahrheit, das bei denen zu finden ist, die eine Läuterung des Christentums erstreben, verdient selbstverständlich nur unter der Voraussetzung Sympathie, daß die Beteiligten sich von dem widerwärtigen Treiben der Missionare fernhalten, und wie dies Berner, wenn auch mit Vorbehalt für die Zukunft tut, zugestehen, daß die Bekehrung der Juden zum Christentum „nicht wünschenswert" sei. Hierbei begegnet sich Berner mit Adolf Stöcker, der ebenfalls, wenn auch aus anderen Gründen, hauptsächlich wohl aus Rassenhaß, kein Freund der Judentaufen ist. Der ehemalige Hofprediger führt noch seinen Kampf nach zwei Fronten hin, gegen das Judentum und gegen das freisinnige Christentum, unermüdlich fort, aber seine Waffen beginnen doch stumpf zu werden. Seine Wähler in Siegen sind ihm treu geblieben, obgleich seine Gesundheit ihm in den letzten Wochen vor den Reichstagswahlen es nicht gestattete, sein Mandat selbst zu verteidigen, aber sein Lebensabend wird durch