Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 161 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 161 Wenn auch mit Vorbehalten, gesteht man aber doch der sogenannten „Judenfrage" eine große Bedeutung zu. Einen „Die Aussichten des Judentums" überschriebenen Artikel, den „Die Welt am Montag" am 4. Februar d. I. veröffentlichte, leitet der Verfasser Dr. Georg Lomer mit den Worten ein: „Kein Denkender kann heutzutage am Judentum vorübergehen, ohne irgendwie — so oder so — Stellung zu ihm zu nehmen. Nicht nur hat eine starke volkliche Vermehrung der Juden stattgesunden, sondern auch die praktischen und idealen Werte, welche sie in Kunst und Wissenschaft, vielleicht noch mehr in Presse und Handel geprägt haben und noch prägen, sind ins Ungemessene gewachsen." Und am Schluffe des Artikels sagt er: „Bismarcks Blick reichte weiter als der der Konservativen und Liberalen seiner Zeit. Sein Verstand begriff das Problem in seiner ganzen Schärfe, und sein Auge hatte das große Verstehen für das Ringen der aufstrebenden Judenschaft. Er wollte nichts wissen von einer ewigen Suche der Juden nach der heimatlichen Scholle, die man ihnen vorenthielt. Wohl wußte auch er, daß sie „Nomaden seien, etwas Allgemein-Europäisches, Kosmopolitisches hätten." Aber er traute der modernen Menschheit soviel Selbstbesinnung zu, daß sie den Balken im eigenen Auge nicht vergesse über dem Splitter im Auge des Nächsten, und ein grimmiger Feind war er jeder brutalen Majorität, die sich über eine intelligente aber schwächere Minorität zum Richter setzt." Unter den bedeutenden Männern, die sich mit den ^Aussichten des Judentums" beschäftigt haben, verdient auch der kürzlich verstorbene berühmte Strafrechtslehrer Albert Friedrich Berner genannt zu werden, der sich in einer neuerdings viel erwähnten Schrift „Judentum und Christentum und ihre Zukunft" in interessanter Weise über diese Frage geäußert hat. Berner knüpft seine Betrachtungen an den Ausspruch Renans an: „Das Judentum, welches in der Vergangenheit so Großes geleistet hat, wird auch noch für die Zukunft von Bedeutung sein. Die reine Religion, die die gesamte Menschheit vereinen kann, wird die Verwirklichung der Religion des Jesaias sein, die ideale, von ihren Schlacken gereinigte jüdische Religion."