Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-03-01
- Page
- 160 (sequence 7)
- Language
- German
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160 Im deutschen Reich. Ghettoschranken verflossen sind, verschafft haben und berechtigt Zu schönen Hoffnungen für die Zukunft. Ein großes Volk wie das deutsche bedarf aber so sehr auf allen Kulturgebieten der Mitarbeit aller fähigen Männer, daß es sich auf die Dauer nicht darauf beschränken kann, die Ausnutzung der jüdischen Intelligenz nur von dem Taufzettel abhängig zu machen. Wie dies zurzeit noch der Fall ist, hat die Tatsache gezeigt, daß dieselben Kreise, die noch vor wenigen Wochen dem neuen Kolonialdirektor seine jüdische Abstammnng zum Vorwurf gemacht und feinen Eintritt in den Staatsdienst mancher boshaften Kritik unterzogen haben, ihre „Rassenvorurteile" verstecken, um es nicht mit jemand zu verderben, der sie durch seine Vertretung der Kolonialpolitik aus einer Sackgasse herausgeholt hat. So haben es die Judenfeinde, die sich grundlos das Monopol deutsch-nationaler Gesinnung anmaßen, immer gemacht; wenn sie von der Verbergung des Rassenhasses Nutzen ziehen können, beschränken sie sich stets auf den Religionshaß. Die „Kreuz-Zeitung" zehrt noch heute von dem Geiste des begabten Staatsrechtslehrers, der als Jude Schlesinger und später als Konvertit Friedrich Stahl hieß und die zugkräftige Vokabel „Der christliche Staat" erfand. Die konservativen Sozialpolitiker erachten die Erfolge der Sozialreformen als Blüten der christlichen Kultur, obgleich die Grundzüge dieser Reformen auf Bestrebungen englischer Puritaner zurückzuführen sind, die durch eifriges Studium des Alten Testaments dazu angeregt wurden, die neuzeitliche Kultur durch die wohltätigsten Anordnungen des Judentums zu fördern. Der Einfluß von Marx und Lassalle auf die deutsche Sozialreforw kann selbst von denen nicht bestritten werden, die diesen Sozialpolitikern sonst nur Böses nachsagen. Daß man in judenfeindlichen Kreisen den Anteil Laskers an den Justizgesetzen und den Bambergers an der Währungspolitik nicht verschmerzen kann, ist bekannt. Die künftigen Geschichtsschreiber werden aber sicher über alle Spuren gemeinnütziger jüdischer Geistestätigkeit gerechter urteilen als die jetzigen Wortführer, die mehr oder minder noch von mittelalterlichem Spuk befangen zu sein scheinen.