Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-02-01
- Page
- 110 (sequence 9)
- Language
- German
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110 Im deutschen Reich. gegen die Juden hetzte — „wie die Bienen ihre Drohnenschlacht abhielten, so müßte das Ungeziefer im deutschen Volksleben ausgerottet werden!" — wurde ihm eine derbe Züchtigung zuteil. Der Redner der Konservativen, Pastor Proeller-Reppen, nötigte ihn durch die ernste Sachlichkeit seiner Ausführungen, der Sprecher der Liberalen, Lehrer Zobel-Schöneberg, durch vernichtenden Spott, die Wählerversammlung durch stürmische Pfui- und Schlußrufe zum Verzicht auf sein maßloses Schimpfen und Toben. Wie früher würden wohl die „Kreuz-Ztg." und ihre Anhänger das wüste Treiben der Antisemiten mit dem Mantel der Liebe bedeckt haben, wenn ihnen nicht jetzt der antisemitische Chauvinismus den von ihnen sehnlichst gewünschten Friedensschluß mit dem Zentrum erschwerte. In ihrer Wochenübersicht sprach das fromme Blatt es auch mit dürren Worten aus, daß „die Konservativen, um nicht eine große Anzahl von Mandaten zu verlieren, sich in manchen Wahlkreisen mit dem Zentrum verbinden müßten." Der Grund der Reichstagsauflösung schien bei der von den radikalen Antisemiten und den antisemitischen Tivoli-Konservativen mit ganz ungewöhnlichem Ungestüm betriebenen Mandatsjagd zuletzt vollständig als gegenstandslos betrachtet zu werden. Wie es gerade traf, paktierte man bald mit der einen, bald mit der andern politischen Partei; dabei brach man in solche Wahlkreise ein, die als alter Besitz einer befreundeten Fraktion eigentlich als unantastbar hätten gelten müssen. Die Antisemiten, die den Konservativen in unzähligen Fällen als Knappen gedient hatten, mußten es sich gefallen lassen, daß in dem sächsischen Wahlkreise Borna ihrem Kandidaten Fritzsche, in Schlochau-Flatow ihrem Böckler, in Rotenburg -Hersseld ihrem Ludwig Werner, in Ost- und West-Sternberg ihrem Ernst Fröhlich, in Pyritz- Saatzig ihrem Wilhelm Krösell, die Mandate durch konservative Gegenkandidaten streitig gemacht wurden. In Hessen machte sich dagegen wider die deutsch-soziale Partei, die unter Liebermann von Sonnenberg und Lattman sich eng mit den Konservativen angesreundet hatten, eine starke reformerische Gegenströmung geltend, die nur durch die Überzeugung gehemmt wurde, daß der antisemitische Bruderzwist den Nationalliberalen oder den Sozialdemokraten zu statten kommen müßte.