Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1907-02-01
- Page
- 107 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316756--16039-2337905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 107 semitische Bemerkung gemacht: „Vermutlich handelt es sich um jüdische Damen. Wenigstens ist nicht leicht anzunehwen, daß die Köln. Ztg. sich der Sache annähme, wenn die Damen katholisch wären." Für solche antisemitischen Anwandlungen ist man auf der judenfeindlichsten Seite der konservativen Partei nicht undankbar. Man hat in diesen Kreisen gejubelt, als der Reichskanzler zwischen sich und dem Zentrum das Tischtuch entzweischnitt; aber ganz will man es nicht mit der mächtigen Zentrumspartei verderben, weil sie auf wirtschaftlichem Gebiete den Konservativen Liebesdienste erwiesen hat, die vielen Angehörigen der eigenen Partei als zu weitgehend erschienen sein mögen. Den Organen des protestantischen ehemaligen Hofpredigers Di. Stöcker, der besonders in Westdeutschland die katholischen Arbeitervereine zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen mit den christlich-sozialen Arbeiter-Genossenschaften heranzuziehen versucht hat, kam der Bruch sehr ungelegen. Sie kanzelten deshalb sogar den konservativen „Reichsboten" ab, der erst stürmisch über die Reichstagsauflösung jubelte, weil seine Abneigung gegen die katholische Kirche Befriedigung fand, dann aber in seinen Spalten ganz andere Töne zum Ausdruck brachte. Den Konservativen könne es doch nichts nützen, die Herrschaft des Zentrums gebrochen zu sehen, wenn dafür die Herrschaft des Liberalismus aufgerichtet werde. An eine solche Wandlung der Regierungspolitik haben aber gewiß nur wenige ernsthaft geglaubt, und selbst diese sind wahrscheinlich durch das Schreiben des Reichskanzlers Fürsten Bülow an den Vorstand des „Reichsverbarrdes gegen die Sozialdemokratie" belehrt worden, wie man in maßgebenden Kreisen über die „leider in einigen liberalen Köpfen noch herrschende Idee" denkt, daß „die Reaktion im Reiche von rechts drohe." Diese Idee dürfte jedoch nicht aus den Köpfen der deutschen Juden schwinden, so lange von rechts ihre gesetzlich verbriefte Gleichberechtigung beständig beeinträchtigt und auf alle mögliche Weise illusorisch gemacht wird und dadurch das geschieht, was nicht nur in liberalen Köpfen spukt, sondern in Wirklichkeit „eine Reaktion iw deutschen Reiche" bedeutet.