Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- aus der Geisteswerkstatt zweier Philosophen
- Date
- 1907-02-01
- Page
- 98 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316753-2316756-2337814--16026-2337896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 Im deutschen Reich. hinzu, „sprechen sie auch, so oft sie im Jahre eine neue Frucht genießen, und im Frühjahr beim Anblick der Baumblüte. Das ist ein Optimismus, der mich oft gerührt hat. Man hatte den Leuten die Natur genommen, aber sie sprechen kurze Dankgebete für den Wohlgeruch, für Donner und Blitz, Sternschnuppen, Regenbogen und ferner beim Anblick eines Freundes, den man nach länger als einem Jahr wiedersieht, oder der von einer Krankheit genesen ist, beim Anblick eines regierenden Fürsten, eines jüdischen oder nichtjüdischen Weisen. Wenn ein Jude kein dankbares Gemüt hat, so ist wenigstens seine Religion nicht daran schuld." Diese Demut vor Gott, führt er an einer anderen Stelle aus, verhindere es auch, daß ein gläubiger Jude sich uberhebt. Wenn Glogau aus Lazarus' Reden unter dem Titel: „Treu und frei" gesammelt bei Beginn der „Schmach des Jahrhunderts" den Eindruck erhalten habe, daß dieser die Schuld der Bewegung ganz von den Juden abwälzen möchte, so irrst Du Dich. Ich muß sagen, daß dies durchaus nicht die wirkliche Meinung von Lazarus ist. Die Juden beten am Versöhnungstage: „Wir und unsere Väter haben gesündigt", und bei jedem öffentlichen Unglück heißt es: „Um unserer Sünden willen ist uns das gekommen." „Was Gott tut, das ist wohlgetan" — mir erscheint, diese Anschauung ist für den, der sich wie die Propheten mit Sinn und Gemüt und allen Kräften der Seele in die Anschauung der ewigen Wahrheit erhoben hat, ebenso sicher wie das Kausalgesetz, und genau aus denselben Gründen." Diese Quintessenz feiner Weltanschäuung verleugnet er auch nicht bei furchtbaren Schicksalsschlägen, die ihn selbst betroffen haben. In den Herzensergüssen an den Freund über den Verlust Zweier geliebten Kinder, den er nie ganz überwunden hat, zeigt sich neben dem Aufschrei eines wunden Herzens doch immer wieder das Vertrauen auf die göttliche Allgüte. Demut und Bescheidenheit kennzeichneten eben das Wesen dieses echten Philosophen, der ohne jegliche Ueberhebung mit Fug und Recht von sich sagen konnte: „Was die Welt glaubt, soll mich nicht kümmern. Ich weiß schon, daß man mir nicht glaubt, daß man sich nicht denken kann, wie mir so vieles so gleichgültig ist, was den andern als höchst begehrenswert erscheint. Ein Ethiker wie ich darf sich durch die Menschen, wie sie sind, nicht beirren lassen."