Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- aus der Geisteswerkstatt zweier Philosophen
- Date
- 1907-02-01
- Page
- 99 (sequence 7)
- Language
- German
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Aus der GeisteswerkstaLL zweier Philosophen. 99 Von dieser eines echten Ethikers würdigen Bedürfnislosigkeit legt auch folgender charakteristische Zug Zeugnis ab: Als junger Student folgte Glogau dem von ihm schwärmerisch verehrten Lehrer auf seinem Heimweg vom Kolleg. Als Steinthal in ein renommiertes Zigarrengeschäft (Unter den Linden, Gerold) eintrat, folgte ihm nach seinem Weggange Glogau dorthin und verlangte dieselbe Marke. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung erklärte aber der Verkäufer, diese von dem Professor gerauchte Sorte nicht im Einzelverkauf abzugeben, da das ganze Mille nur 3 Mark koste! Nach einem Vierteljahrhundert machte Glogau Steinthal von diesem kuriosen Vorfall Mitteilung Letzterer entschuldigte sich nun gewissermaßen, daß er bei der allgemeinen Teuerung jetzt 6 Pfg.-Zigarren rauche. Dabei war das Rauchen der einzige Luxus, den sich der enorm fleißige Mann gönnte. Für die Einfachheit der Lebensweise entschädigte ihn aber ein selten glückliches Familienleben an der Seite seiner liebevollen Gattin und der einzigen ihm verbliebenen Tochter Irene. Möchte mancher unserer, in unjüdischer Weise im protzenhaften Wohlleben schwelgenden Glaubensgenossen sich an diesem vorbildlichen Lebenswandel ein Beispiel nehmen. Nicht der geringste Stein des Anstoßes bei unseren Widersachern würde dadurch aus dem Wege geräumt werden. Fühlen und Handeln war eben bei Steinthal, einer wahren Spinoza-Natur, eins, wie selten bei einem Philosophen, geschweige denn bei uns gewöhnlichen Alltagsmenschen. Psychologie und Ethik des Judentums vereinigten sich bei ihm zu einem wunderbar harmonischen Ganzen. Gar manchen interessanten, aus Steinthals Feder stammenden Beitrag zur Psychologie des Judentums, der uns in diesem Briefwechsel entgegentritt, haben wir im Vorstehenden angeführt. Naturgemäß haben nicht alle Platz finden können, wie sie es wohl ihrem Inhalte und ihrer Form nach verdient hätten, da wir uns bei der Menge des vorhandenen wertvollen Materials Beschränkung auferlegen mußten. Aus der Fülle ästhetischer, hier und da eingeflochtener Spekulationen greifen wir nur noch folgende, das Judentum streifende Bemerkung heraus: „Von Shakespeare's Person wissen wir zu wenig. Darum und wegen der völligen inneren und äußeren Verschiedenheit ist keine Vergleichung Shakespeare's mit Goethe möglich. Nur das