Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 13 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- aus der Geisteswerkstatt zweier Philosophen
- Date
- 1907-02-01
- Page
- 96 (sequence 4)
- Language
- German
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96 Iw deutschen Reich. Judenfrage ein. Eine Judenfrage würde eine Christenfrage werden, und eine solche kann unter uns nicht existieren: das ist eine Frage der Metaphysik und Religion. Die Juden werden ja sehr natürlich in die allgemeine Strömung des Geistes der Nation, unter der sie leben, mit fortgerissen. Jeder Fort- und Rückschritt der christlichen Theologie erzeugt einen analogen im Judentum. Was man in der Welt Judenfrage nennt, das gehört in die gemeine Nationalökonomie und Jurisprudenz, das ist Magen- und Ehrenfrage. Du glaubst mir, wenn ich Dir sage: diese Frage, weil sie so ganz und gar praktisch ist, verstehe ich nicht, und Du wirst sie auch nicht verstehen, und also ist sie mir gleichgültig. Der Jude kann nicht Unteroffizier sein, sagt der Major, nun denn nicht; der Jude kann nicht Ordinarius sein, sagt TreiLschke — nun denn nichts („Der berühmte Mann wurde nie Ordinarius", diese in ihrer knappen kurzen Fassung so vielsagende Bemerkung schaltet an dieser Stelle als Anmerkung Zum Brief die dem Adressaten geistesverwandte Gattin als Herausgeberin ein.) „Was kann der Jude denn sein? Nun, niemand kann ihm wehren, ein tüchtiger Mensch zu sein. So soll er streben, ein solcher zu werden. Ich denke hierüber kühler, als die meisten Juden. Berthold Auerbach, stolz darauf, von Jakob Grimm als deutscher Dichter anerkannt worden zu sein, erträgt es sehr schmerzhaft, daß man ihn von antisemitischer Seite nicht als Deutschen, sondern als Semiten ansieht. Mir kann es gleich sein. Welcher Race ich angehöre, und ob es Raceu gibt, das mögen Birchow, Ranke usw. entscheiden; welcher Nation ich angehöre, das ist ganz und gar meine Sache. Und was mir leid Lut, wenn man mich nicht als Deutschen anerkennen will, das ist die ganz und gar undeutsche Gesinnung, die sich darin kundgibt. Lessing war Christ, er selbst hatte sich entschieden als Christ bekannt. Mendelssohn war Jude, beide waren sie echt deutsch." Stkinthal, der an einer Stelle bei Gelegenheit der Charakteristik von Akiba, den er wohl hochschätzen, aber nicht lieben könne, selbst erklärte, daß er es mit den Sanftmütigen halte, spricht mit der Milde eines Weltweisen über die größte seinem Stamme angetane. Schmach. So gebraucht er den für die Situation sehr sanften Ausdruck, „es hat mich stets verdrossen", um aus seinen Kindheitserinnerungen die Mitteilung hinzuzufügen: „Wenn ich als Knabe von meiner Heimat Gröbzig