Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
13 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
aus der Geisteswerkstatt zweier Philosophen
Date
1907-02-01
Page
94 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316753-2316756-2337814--16022-2337892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 Im deutschen Reich. wann) Steinthal verehrte Gustav Glogau seinen „geistigen Vater". Der 29. Oktober 1864, an welchem Tage er zum erstenmal ein Kolleg des abgeklärten Weltweisen besuchte, war für ihn, wie er wiederholt betonte, die Geburtsstunde seiner geistigen Freiheit und als solche der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben. Bis dahin hatte Glogau wehr „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb", auf der Pepiniöre Medizin studiert, um Militär-Arzt zu werden. Nun wandte er sich unter dem Eindruck von Steinthals schlichter Persönlichkeit, der auf alle Zuhörer, soweit sie nicht Banausen, Examensstreber und Brotstudenten waren, sich stets als ein überwältigender erwies, der Philosophie als Lebensberuf zu. Es war zuBeginnseinesdrittenStudiensemesters anderBerlinerUniversität, als in dem jungen Mediziner, nachdem er Steinthals Vorlesung über Völkerpsychologie gehört hatte, der unumstößliche Entschluß zum Uwsatteln reifte. Allerdings kam ihm dieser Entschluß zunächst teuer zu stehen. Denn der mit der Veränderung der Fakultät und des Lebenszieles äußerst unzufriedene Vater entzog dem Sohn alle Existenzmittel, so daß er sich durch fein Studium buchstäblich durchhungern mußte, bis es ihm nach beendigten Examen glückte, eine Gymnasiallehrerstelle in Westpreußen zu erlangen, von wo aus den auf dem Gebiete der Philosophie schriftstellerisch überaus tätigen Philologen ein ehrenvoller Ruf an die Züricher, von da an die Hallesche Universität und schließlich in die oben erwähnte Kieler Professur berief. Der selten reine Geist, der den Genius beider Männer durchleuchtete, tritt uns aus dem beinahe ein Bierteljahrhundert ununterbrochen fortgesetzten Briefwechsel entgegen. Dabei war zwar die dem Meister entgegengebrachte Verehrung des Jüngers, dessen erstes größeres Werk „Steinthals psychologische Formeln, zusammenhängend entwickelt" behandelte, eine unbegrenzte, der philosophische Standpunkt aber keineswegs durchweg übereinstimmend. Gar bald trennten sich ihre Wege; tiefgehende Differenzen zeigten sich, namentlich nach dem Erscheinen von Steinthals „Ethik" im Jahre 1885, die jede Transcendenz abwies, während der tiefreligiös angelegte Glogau des „deckenden Schildes der Metaphysik, des Absoluten" beim besten Willen nicht entraten zu können erklärte. Tiefe innere Kämpfe durchwühlten Glogaus Gemüt, der an Steinthal mit einer ihresgleichen suchenden Liebe und der innigen Zärtlichkeit eines Sohnes hing. Es ist ein ehrenvolles Zeugnis für seinen Charakter, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.