Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / Herzfeld
- Date
- 1906-12-01
- Page
- 714 (sequence 5)
- Language
- German
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714 Im deutschen Reich. die Speisegesetze nicht beachten kann, kommt hier nicht in Frage. Es ist für uns eine Frage der Ehre und des Rechts, daß wir hierbei alle miteinstehen für die in ihrer Glaubensfreiheit geschädigten Brüder, welche fromm an allen Satzungen des Glaubens hängen und wahrlich nicht die schlechtesten in unserer Gemeinschaft find. (Lebhafter Beifall.) Der Unfug der Schächtverbote, der s. Zt. in Rheydt seinen Anfang nahm, ist dort jetzt zuerst wieder beseitigt worden. Der von den antisemitischen Tierschutzvereinen in der Nürnberger Versammlung mit geringer Mehrheit gefaßte Beschluß, die Landesregierungen um Schächtverbote anzugehen, wird sich hoffentlich als wirkungslos erweisen. Derartigen Versuchen müssen wir überall entgegenarbeiten. — Wo sich Juden zufammenfinden, werden und müssen sie jetzt ihrer unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland gedenken. Unsere Sympathie für die Opfer jener kläglichen Verhältnisse soll sich nicht auf Worte beschränken; das Hilfswerk des überaus segensreich wirkenden Hilfsvereins der Deutschen Juden und seiner verdienstlichen Leiter nach Kräften zu unterstützen, ist die Pflicht jedes einzelnen Juden. — Als in Frankreich ein jüdischer Hauptmann unschuldig des Landesverrats beschuldigt und nach der Teufelsinsel verbannt wurde, haben wir diesem Opfer schmählicher Intrigen tiefes Mitleid gezollt und der französischen Nation gegenüber geglaubt, mit Stolz sagen zu dürfen, Aehnliches könne bei uns nicht Vorkommen. Nun hat sich aber diese Nation in glänzender Weise von jener Schmach frei zu machen gewußt, trotzdem die Verteidiger des Hauptmanns Dreyfus und die Regierung, die sich des Unschuldigen annahm, die mächtigsten Glieder der Armee gegen sich hatten. Daß die Wahrheit in Frankreich mcht, wie Zola annehmen mußte, nur auf dem Wege war, sondern ans Ziel gelangte, daß einem ihrer treuesten Verfechter, Picquart, den Lntisemiten zum Trotz sogar das Portefeuille des Krieges übertragen wurde, ehrt Regierung und Volk in Frankreich. Wie sich unsere deutschen Antisemiten und ihre Presse zu dem Ausgang der Dreyfus-Affäre verhalten haben und noch verhalten, ist bekannt und beweist die tiefgewurzelte Vaterlandslosigkeit dieser Gesellschaft. — Soll es in Deutschland völlig tagen, dann müssen rechtzeitig alle H-bel in Bewegung gesetzt werden, daß aus den Wahlen im Jahre 1908 ein Parlament hervorgeht, dessen Mehrheit nicht judenfeindlich ist. Wir werden auf der Wacht stehen; wenn aber Erfolge er-