Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-12-01
- Page
- 708 (sequence 10)
- Language
- German
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708 Im deutschen Reich, katholischen Presse „von wenigen Ausnahmen abgesehen" geschehen sei, trifft doch nicht ganz Zu. Es dämmert auch nicht erst in jüdischen Kreisen die Ueberzeugung, daß dis in der Tagespresse nicht allzuseltenen Angriffe auf katholische religiöse Einrichtungen nicht nur unberechtigt, sondern auch taktlos sind; vielmehr dürfte es nur sehr wenige Juden geben, die an derartigen Angriffen Gefallen finden, und wohl keinen einzigen sich noch zum Judentum bekennenden Deutschen, dem ein solcher Angriff nachzuweisen wäre. Aber wirJuden sind nicht nur dem Organ des Zentrums Dank schuldig,daßes die jüdischeAngelegenheiten in toleranter Weise behandelte, sondern mindestens ebenso der freisinnigen christlichen Presse, die in ernsten Momenten, zwar auch nicht aus Liebe für die Juden, aber doch als eine notwendige Konsequenz freisinniger Grundsätze, häufig energisch dafür eingetreten ist, daß auch uns mehr als bisher Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zuteil werde. Die non der Seite des Organs des Zentrums an die Juden gerichtete Aufforderung, ihren Einfluß auf die „sogenannten Judenblätter" dahin geltend zu machen, daß sie sich eines anderen Tones gegen das Zentrum befleißigen möchten, beruht außerdem auf ganz falschen Voraussetzungen. Wir bilden kein „jüdisches Zentrum" und wollen es nicht bilden; wir üben in politischer Beziehung keine strenge Disziplin, rennen auch kein einziges politisches Preßorgan, das sich eine jüdische Bevormundung gefallen lassen würde. Damit entfällt jeder Vorwurf, der sich gegen die Juden wegen der in Wirklichkeit garnicht vorhandenen „Judenpresse" richtet. Das Zentrum wäre weit eher in der Lage, seine grundsätzliche duldsame Stellung zur Judenfrage zum Ausdruck zu bringen, denn es verfügt über zahlreiche Blätter, die treu und fest zur katholischen Sache stehen. Aber bei der Behandlung jüdischer Angelegenheiten ist von dem „Kadaver-Gehorsam" bisher wenig zu spüren gewesen. Von dem Münchener Katholikenblatt „Das Bayerische Vaterland" wollen wir dabei ganz absehen, da es seine Renitenz nicht verhehlt und sogar in einem „Bachem, Mosse, Ullstein, Sonnemann" überschrieöenen Artikel die „Köln. Volkszeitnng" heftig angegriffen und derselben eine ungenügende VertretungkatholischerJnteressen vorgeworsen hat. Daß es dabei die Frage streifte, ob das tolerante Kölner Blatt oder die oft recht antisemitische Berliner „Germania" als das führende Zentrumsorgan