Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-12-01
- Page
- 702 (sequence 4)
- Language
- German
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702 Im deutschen Reich. die deutsch-soziale Partei in den Dienst der Lebensmittelverteuerer gestellt haben und durch fortwährende Kompromisse mitden Agrariern auf selbständiges Vorgehen verzichten. Dazu kommt, daß einzelne antisemitisch-bündlerische Größen des hessischen Landtages, die bei der deutsch-sozialen Wahlagitation nützliche Dienste leisteten, sich selbst persönlich in Mißkredit gebracht haben. Nachdem der Abg. Köhler-Langsdorf infolge seiner Extravaganzen in einer Versenkung verschwand, hat sich auch ein anderer hessischer Landtagsabgeordneter, der Druckereibesitzer Otto Hirschel, und Zwar in weit schlimmerer Weise, unmöglich gemacht. Am 20. Oktober sollte vor der Strafkammer in Gießen gegen ihn wegen Unterschlagung von Genossenschaftsgeldern verhandelt werden. Weil aber weder der Angeklagte noch der Verteidiger erschienen waren, mußte die Verhandlung ausgesetzt werden. Das Gericht beschloß, da der Angeklagte trotz ordnungsmäßiger Ladung und Androhung der Vorführung nicht erschienen sei, seine Vorführung mit der Maßgabe anzuordnen, daß die Staatsanwaltschaft vorher die erforderliche Genehmigung der Landstände einzuholen habe. Ob diese aber erteilt wird, ist mehr als fraglich; darauf pocht auch Hirschel, der sich durch seine Immunität vor dem unbequemen Prozeß gesichert hält. Wie sehr aber trotz aller ähnlichen Erfahrungen der Rassenantisemitismus in den landwirtschaftlichen Kreisen Hessens überhand genommen, hat sich bei der Konstituierung des Bureaus der neuen hessischen Larrdwirtschaftskammer gezeigt. Nachdem der Führer der oberhessischen Bauernbündler Zum Zweiten Präsidenten der neugegründeten Kammer gewählt worden war, wurde von den rheinhessischen Mitgliedern der frühere freisinnige Abg. Oekonomierat Lichtenstein als Stellvertreter in Vorschlag gebracht. Erst nachdem der von den antisemitischen Vauernbündlern gegen „Lichtenstein" aufgestellte und mit 24 gegen 21 Stimmen durchgebrachte Gutsbesitzer Koller die Annahme abgelehntehatt,wurdeLichLenstein mit21 Stimmen gewählt, während die antisemitische Mehrheit weiße Zettel abgab. Derartige Vorkommnisse zeigen, wie dringend nötig es ist, Reichstagswahlkreise, in denen die antisemitische „Bauernbündlerei" ihr Unwesen treibt, frühzeitig zu bearbeiten. Anderseits berechtigen aber einzelne Mißerfolge der deutsch-sozialen Kompromiß-Politik zu der