Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 11 (November 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-11-01
- Page
- 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316751--15684-2337450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
652 Iw deutschen Reich. zu machen? Der Gewissenszwang, als den sich diese Praxis darstellt, ist Preußens unwürdig". Dazu bemerkt die „Köln. Volksztg.": „Der Einsender leitet sein Begleitschreiben mit den Worten ein: „Die schätzenswerten Ausführungen über Toleranz, die von der „Köln. Volksztg." dieser Tage gebracht wurden — gemeint sind jedenfalls die trefflichen Ausführungen des Abg. Marx, die wir in Nr. 783 Wiedergaben — geben mir den Mut, Ihnen beifolgenden Artikel zu übersenden". „Mut" war dazu in keiner Weise erforderlich. Wenn wir eine Rede des Abg. Marx mit voller Zustimmung Abdrucken, so ziehen wir auch daraus die Konsequenzen, sei es nach der katholischen, der protestantischen oder der jüdischen Seite, und erklären uns mit dem Herren Einsender ganz einverstanden in seiner Auffassung, daß die differentielle Behandlung jüdischer und ehemals jüdischer Bewerber ein Unrecht, und Zwar nicht bloß gegen die preußische Verfassung ist". Daß diese Ueberzeugung sich mehr und mehr verbreitet, ist unser sehnlichster Wunsch, auf dessen Erfüllung wir zuversichtlich hoffen. In den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung Deutschlands sind die Kaiserworte: „Schwarzseherei dulde ich nicht; wer sich zur Arbeit nicht eignet, scheide aus und suche sich ein besseres Land!" weder als Drohung noch als Vorwurf aufgen.OMwen worden; denn die Juden sind „Optimisten". Wir. verzagen selbst nicht in einer Zeit, in der im Osten Europas grausame Prätorianer und fanatische Dorfpopen mit Hilfe entmenschter Pöbelmassen unsägliches Elend über unsere Glaubensbrüder häufen, in der selbst im Deutschen Reiche in fast unglaublicher Verblendung beständig der Religions- und Rassenhaß geschürt, mittelalterlicher Wahn frevelhaft wieder aufgefrischt und all die schlimmsten Instinkte der Massen appelliert wird, nur um die verfassungsmäßig verbriefte Gleichberechtigung der Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht zur Wahrheit werden zu lassen. Die unerschütterliche Hoffnungsfreudigkeit, die Jahrtausende hindurch unsere Glaubensgemeinschaft erhalten hat, während ihre mächtigsten Bedränger unter den Trümmern von Weltreichen begraben wurden, ist nicht die Folge eines poetischen Ueberschwangs sondern einer geschlossenen Weltanschauung, die in jedem Ereignis das Walten der Vorsehung erblickt und sich überzeugt hält, daß, weil alles von ihr kommt, auch aus tiefstem Elend sich immer wieder neues Glück entfalten muß. Wo andere nur Ver-