Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 11 (November 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-11-01
- Page
- 646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316751--15678-2337444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
646 Iw deutschen Reich. einer Partei gegenüber, von der die Nachsicht als Zurückweichen vor ihrer angeblichen Macht aufgefaßt wird, verleiht ihr im Staatsleben scheinbar eine Bedeutung, die sie in Wirklichkeit in Deutschland weder quantitativ noch qualitativ besitzt und ganz verlieren würde, wenn man unter richtiger Abschätzung der Verhältnisse mit fester Hand in dieses Wespennest griffe. Die Antisemiten, die doch unverkennbar nicht nur ^Judenfeinde" sind, sondern ein viel weitergehendes Ziel anstreben, verhehlen auch gar nicht mehr, daß sie „Schwarzseher" sind. Wenige Tage, nachdem sich ihre Begeisterung für die „Rede in Schlesien" abgekühlt hatte, schrieb die „Staatsbürger-Zeitung" bereits: „Was gäben wir darum, wenn wir nicht Schwarzseher zu sein brauchten; aber die Entwicklung der heutigen Zustände läßt in uns nicht den Optimismus und die Hoffnungsfreudigkeit aufkommen, daß es besser werden wird in deutschen Landen. Wohl haben wir noch Parlamente, wo des Volkes Vertreter sitzen; aber wie winzig ist die Zahl derer, die als Propheten wider den neuen, den falschen Kurs aufzutreten wagen werden — und, sollten sie es auch tun, wird ihre Stimme nicht verhallen, wie die eines Predigers in der Wüste? Wann wird der Retter kommen diesem Lande? Wann wird ein Blitz aus des Himmels Höhen die Wetterwolken durchbrechen, und der Sturm des erwachten Volkswillens, der nationalen Begeisterung die dunklen Nebel hinwegfegen, die sich zwischen Volk und Thron zu legen drohen und die zu lähmen scheinen, was bisher freudig grünte und sich dem Licht zuwandte?" Der der „Staatsbürger-Zeitung" sehr nahe stehende Schriftsteller K. Döring meinte in einer antisemitischen Versammlung: „So praktikabel auch der Gedanke sein mag, kaufmännisch vorgebildeten Herren einen Wirkungskreis in der Kolonialabteilung anzuweisen, ist es doch auf das lebhafteste zu bedauern, daß man hierzu niemand anders finden konnte, als einen Großbankier. Der Name Dernburg hat leider beim deutschen Volke keinen besonders sympathischen Klang. Unsere vaterländisch- und mittelstandsfreundlichen Kreise sollten ihrerseits die Lehre daraus ziehen, daß bei diesem drohenden Wüten der Mächte der Finsternis die höchste Zeit gekommen ist, sich aufzuraffen, damit unser Vaterland nicht in Nacht und Tod versinke." Noch deutlicher wurde der bekannte Antisemit Th. Fritsch.