Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-10-01
- Page
- 593 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316750--15589-2337334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
uwicyau. obgleich sie bei den Wahlen fast nur noch dort Erfolge erzielen, wo ihnen die Mittel und der Einfluß des Bundes der Landwirte das Rückgrat stärken, führen sie in ihren Versammlungen und in ihren Organen selbst den höchsten Behörden gegenüber eine Sprache, Zu der sich nicht einmal die leidenschaftlichsten Redner der ungleich mächtigeren Zentrumspartei Hinreißen lassen Daß dadurch den Massen der Respekt vor der Obrigkeit geraubt, die Saat der Unzufriedenheit in die zufriedensten bürgerlichen Kreise hin eingestreut und der Umsturz nur gefördert wird, den man beständig zu bekämpfen vorgibt, versteht sich von selbst- Dieses mit merkwürdiger Geduld ertragene wühlerische Treiben der Antisemiten und ihrer gesinnungsverwandten agrarischen Gönner bekümmert uns nicht als Juden, sondern als deutsche Staatsbürger, die seit vielen Jahrzehnten ohne irgendwelchen vernünftigen Grund von den vornehmsten wühlenden Dunkelmännern als „Führer der Revolution" verdächtigt werden^ während jene selbst den Umsturz dadurch herbeizuführen drohen, daß sie das rollende Rad der Zeit gewaltsam rückwärts zu drehen streben. Auf diesem Gebiete wirken die „Kreuz-Zeitung" und die „Deutsche Tageszeitung" Zuweilen verderblicher, als die radikalsten Antisemitenblätter Das hat die „Kreuz-Zeitung" getan, noch ehe Freiherr von Hammerstein sich zusammen mit Stöcker in einer Stellung photographieren ließ, in der beide ihr Jahrhundert in die Schranken zu rufen gedachten. Das Blatt wühlte schon zu der Zeit, in der „Ehren-Goedsche" mit seinen Freunden, um die Adelsherrschaft wieder herzustellen, das Märchen von der durch „Polen, Juden und Franzosen" drohenden Gefahr ausheckte und nicht nur in journalistischer Fassung, sondern auch in der Form lüsterner historischer Romane einflußreichen Kreisen schmackhaft machte. Das fromme Blatt war judenfeindlich, noch ehe die Bezeichnung „antisemitisch" gang und gäbe war; es konnte aber nicht konsequent dem Rassenantisemitismus huldigen, weil erst der getaufte Jude Schlesinger-Stahl die Politik der Hochkonservativen in ein geordnetes System brachte und ihr die von ihm erfundene wirkungsvolle Vokabel des „Christlichen Staates" und damit einen Schatz lieferte, von dessen Zinsen sie heute noch zehren, da diese Vokabel es anscheinend den Trägern der Macht als eine Unmöglichkeit erscheinen läßt, in