Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 9 (September 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-09-01
- Page
- 533 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316749--15501-2337221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 533 jüdische Jugend einwirkten, werde die „berechtigte Entrüstung der echtrussischen Leute'" nicht einzudämmen sein. Woher diese angeblich berechtigte Entrüstung kommt, die auch in der deutschen Antisemitenpresse eine so große Rolle spielt, hat sich Z. B. am 21. Juli bei einer Kirchenprozession in Bachmut deutlich gezeigt. Schon vorher waren in dieser russischen Stadt Gerüchte über die Unvermeidlichkeit eines Pogroms verbreitet. Als nun die Prozession über den Markt Zog, aus dem eine große Menschenmenge versammelt war, wurde aus einem Hofe ein Schuß abgegeben und nun verbreiteten die Ruse: „Die Juden schießen!" eine säst unbeschreibliche Panik. Da drangen Arbeiter und Bauern in den Hos ein und schleppten den Schutzmann Polakoff heraus, der zuerst Zu schießen drohte, dann aber knieend um Schonung bat. Der Lynchjustiz entging er schließlich, weil die Menge mit Sabeln und Nagaiken auseinandergetrieben wurde. So arbeiten unter behördlichem Schutze die von den deutschen Antisemiten gepriesenen Mitglieder des „Verbandes der echtrussischen Leute"; und wahrscheinlich wird diese von den Machthabern in Peterhof begünstigte „Contrerevolution" noch vielfach Unheil anrichten. Den Zerfall des Zarismus wird sie aber so wenig aufhalten, wie einst der „weiße Schrecken" in Marseille und die Kämpfe der Chouans in der Bretagne den Untergang des Bvurbonentums in Frankreich verhindert haben. Ein Einmarsch deutscher oder österreichischer Truppen zum Schutze des Zaren gegen die an einer Stelle mit Waffengewalt erdrückten und blutig gerächten, an andern Stellen aber immer wieder ausstackernden Militär-Emeuten würde die Katastrophe nur beschleunigen. Die Erfahrungen, die man bei der französischen Revolution in den letzten Jahren des achtzehnten Jahrhunderts gemacht hat, lassen jede Einmischung auswärtiger Mächte zu gunsten des bedrängten Zaren oder zum Schutze der stündlich mit Plünderung und Mord bedrohten Bevölkerung Rußlands als untunlich erscheinen. Sie ist tatsächlich von keiner Seite in Aussicht genommen und bildet nur für die,. nicht unter den Juden zu suchenden Anstifter der Militürunruhen ein beliebtes Mittel, gegen den Zaren auszureizen und ihn des Hochverrats an der russischen Nation verdächtig erscheinen zu lassen. Aber aus ähnlichen Gründen dürste