Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 9 (September 1906)
- Article
- Antisemitenmoral und Vaterlandsliebe!
- Date
- 1906-09-01
- Page
- 496 (sequence 2)
- Language
- German
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496 Im deutschen Reich- Armee, sondern auch besondere Vertrauensstellungen im Generalstabs einnehmen ließ. Sollte man doch meinen, daß, nachdem Gleiches auch in Italien, England, Oesterreich usw. geschehen, auch in Deutschland den Staatsleitern der Gedanke hätte kommen müssen, daß es, bei der Notwendigkeit, für führende Stellungen in der Armee und Marine die nicht gerade im Ueberfluß vorhandenen tüchtigen Kräfte nutzbar zu wachen, widersinnig sei, auf besonders begabte Persönlichkeiten nur deshalb zu verzichten, weil die Betreffenden nicht durch einen Glaubenswechsel ohne Ueberzeugung sich als charakterlose Gesellen erweisen. Die deutschen Antisemiten glaubten, sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen Zu dürfen, einen von ihren französischen Gesinnungsgenossen des Landesverrats beschuldigten jüdischen GeneralstabsoffiZier trotz aller Beweise für seine Unschuld als schuldig und als warnendes Exempel für deutsche Heeres- Verhältniffe hinzustellen. Für die Schuld des Hauptmanns Drenfus hatten die deutschen Antisemiten keine anderen Gewährsmänner, als die Aussagen der verbissensten Feinde des Deutschen Reiches, französischer hoher Offiziere und Parlamentarier. von bekannter volksfeindlicher Gesinnung, sowie die Behauptungen der antisemitischen Presse Frankreichs, welche der Tendenz der „Libre Parole" Drumonts huldigt, der ebenso wie Däroulede nicht weniger deutschfeindlich als judenseindlich denkt und wirkt. Diese Gewährsmänner haben bis Zur vollständigen Freisprechung des „Dulders aus der Teufelsinsel" sämtlich behauptet, daß Dreyfus mehrere die Nationalverteidigung betreffende Schriften den Agenten der deutschen Regierung ausgehändigt habe. Dabei sind sie geblieben, obgleich die Reichsregierung dies in bündigster Weise in Abrede stellte; die durch die Freisprechung des von ihnen Beschuldigten gründlich kompromiLtierten französischen Generäle suchen auch noch heute diesen Glauben ausrecht Zu erhalten, um ihr verbrecherisches Verhalten im Drepsus-ProZeß durch die Fiktion Zu entschuldigen, daß eine vollständige Bloßlegung der Fäden jener Beziehungen Frankreich in einen neuen Krieg mit Deutschland verwickelt haben würde. Daß die deutsche Antisemitenpresse trotz der Erklärungen der deutschen Regierung nach wie vor die Möglichkeit von Beziehungen Drepfus' zu den Agenten Deutschlands zugab. Zeigte der ganzen Welt, daß sie ihren lieben antisemitischen Gesinnungsgenossen im