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Im deutschen Reich · 1906-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1906) · p. 457

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-07-01
Page
457 (sequence 4)
Language
German
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Umschau. 457 sie Ruhe, wüßten sie die Jugend zwingen, keinen Anteil an der Freiheitsbewegung zu nehmen. Die Erwiderung, die Gesamtheit könne nicht für die Handlungen einzelner hasten, ließ er nicht gelten. Die Soldaten und das russische Volk seien empört über die Revolutionäre, und wenn er selbst die Soldaten zurückhalten könne, so sei es doch unmöglich, das Volk im Zaume zu halten. Lobenswerter als die Haltung des Statthalters war die der Matrosen und Sappeure, die rundheraus erklärten, sie würden alles Gesindel, das gegen Bürger sich vergehe, niederschießen. Es wurde zwar noch eine Anzahl Personen getötet und verwundet und viele Juden flohen in das jüdische Hospital, wo sie eine Zuflucht fanden. Durch das Dazwischentreten des Statthalters Kaulbars und des Stadtältesten Karangosow wurde dann, wohl aus eine Weisung von höherer Stelle, die Ruhe wieder hergestellt. Wie sich die deutsche Antisemiten - presse zu den traurigen Vorgängen in Rußland stellt, die Ausschreitungen gegen die Juden als von diesen selbst veranlaßt darstellt und beschönigt, wie sie den verhängnisvollen Staatsstreich zu rechtfertigen strebt — das ist so schmachvoll, daß es dafür keinen Ausdruck gibt, der scharf genug wäre. Dieses Treiben bezeichnet einen Rückgang in der Kultur, den man vor Jahrzehnten nicht für möglich gehalten hätte! Wenn irgend eine politische Entwicklung geeignet ist, die europäischen Machthaber vor den Gelüsten zur Rückkehr zu überlebten mittelalterlichen Zuständen zu warnen, so ist es wohl die sich in Rußland vollziehende. Um so unbegreiflicher ist es, daß nicht in allen Nachbarstaaten die Ausbildung zum Rechtsstaat und Vollendung alles dessen, was zu einem Kulturstaat gehört, mit Ernst und Eifer angestrebt wird! Am unbegreiflichsten aber ist es gewiß, daß man nach den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts noch nicht einsehen gelernt hat, d -ß für monarchische Staatsmänner der Antisemitismus ein zweischneidiges Schwert ist, das die Hand verletzt, die es beliebig führen zu können vermeint. Gesetzliche Zustände sind nur zu schaffen und zu erhalten, wenn an dem Grundsatz „Gleiches Recht für alle Staatsbürger" unverbrüchlich festgehalten wird. Mit diesem Grundsätze sind aber alle antisemitischen Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, eine halbe Million deutscher Staatsbürger im Wege der Gesetzgebung, oder auf dem Umwege der Verwaltungsmaximen zu entrechten.

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