Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 456 (sequence 3)
- Language
- German
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456 Im deutschen Reich. der Unzuverlässigkeit der russischen Polizeiorgane und der sich beständig mehrenden Widersetzlichkeiten in den vornehmsten Teilen der russischen Armee die künstliche Fiktion von der angeblichen Bedrohung der russischen Landesreligion und Nationalität durch das Judentum aufrecht erhalten zu wollen, das allen Grund hat, das Anwachsen der Anarchie zu fürchten, und nur von der Wiederkehr gesetzlicher Zustände Ruhe und Sicherheit erhoffen kann. Wie in Rußland so auch anderwärts beschuldigt man mit Vorsatz eine nahezu schutzlos gelassene Bevölkerungsminderheit, der Revolution Vorschub zu leisten, statt zu erkennen, daß es nur der Uebermut und die Gewaltsamkeit der Rückschrittler sind, die durch Hemmung naturgemäßer Fortschritte den Zusammenbruch beschleunigen. Der bisher hilflos zwischen den maßvolleren Ratgebern und den Vertretern des früheren autokratischen Regiments hin und her schwankende Zar hat sich von den letzteren bereden lassen, die kaum geschaffene Volksvertretung wieder aufzulösen und durch die Ankündigung, die neue Reichsduma erst am 5. März 1907 einzuberufen, die „verfassungsmäßige Regierung" zu einem Scheinwesen umzugestalten. Wohin dieser Schritt und die damit verbundenen Gewaltmaßregeln führen werden, bleibt abzuwarten. Zunächst haben General Trepow und seine Kreaturen das Heft in der Hand. Wie sie es gebrauchen, hat sich leider in Odessa in schauriger Weise gezeigt. Ueber die Ursache des Pogroms am 22. Juli wurde berichtet, ein betrunkener Kosak, der zur Ermordung der Juden aufforderte, verursachte kurz vorher einen Bolksauslauf. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf der Kosak erschlagen wurde. Sodann erschien in einem hiesigen offiziösen antisemitischen Blatt ein Artikel, in dem gesagt wird, alle treuen Diener des Zaren sollten den Toten rächen. Sie w ür d e n dafür unbestraft bleiben. Auch Aufrufe zu einem Pogrom wurden in den Straßen verbreitet. Für den erschlagenen Kosaken fand ein pompöses Leichenbegängnis statt. Nachdem von Kosaken abteilungen ein großes jüdisches Magazin bereits geplündert worden war, kam es zu weiteren Ausschreitungen und zu tätlichen Verletzungen jüdischer Bürger, denen die Behörden Zunächst keinen Schutz gewährten. Der Statthalter Kaulbars sagte zu einer jüdischen Deputation, die von ihm Hilfe erbat, alle Juden seien Revolutionäre, wollten