Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- Der letzte Akt des Dreyfus-Dramas
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 448 (sequence 13)
- Language
- German
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448 Im deutschen Reich. Spionage in Verbindung mit einem klerikalen Vorurteil gegen den jüdischen Kameraden wucherte, ob ein wirklicher Landesverrat eines anderen nichtjüdischen höheren Offiziers nur dadurch Zu bemänteln war, wird vielleicht nie nachweisbar werden. Vielleicht war beides der Fall. So mitleidswert Dreyfus sein mag, so erfreulich für ihn und seine Familie die gründliche Wiederherstellung seiner Ehre ist, jüdischerseits wird man weit davon entfernt sein, über die Rettung eines Mannes, der als französischer Chauvinist bei deutschen Juden nur geringe Sympathien erwecken kann, Jubelhymnen anzustimmen. Aber die deutschen Antisemiten haben trotzdem, ebenso wie ihre französischen Gesinnungsgenossen, zwölf Jahre hindurch seine Verteidigung als ein Werk der gesamten Juden hingestellt; sie haben Dreyfus nicht beschimpft, weil sie ihn wirklich für einen Landesverräter hielten, sondern weil er Jude und Generalstabsoffizier war; sie haben nach bekanntem System die „res judic-atai; ausgebeutet, um darzutun, daß die Juden Zum Verrate neigen, die Armee unterwühlen, gegen das Vaterland, dem sie eigentlich stets fremd blieben, konspirieren, daß sie aber auch, um etwaige zu ihnen gehörende Verräter der verdienten Strafe zu entziehen, die berufenen Richter durch Bestechungen ihrer Pflicht abwendig zu machen suchen. Deshalb ist die Freisprechung des französischen Chauvinisten Dreyfus kein Triumph des Judentums, aber doch eine schimpfliche Niederlage seiner erbittertsten Gegner. Die deutsche antisemitische Presse mag sich jetzt drehen und wenden, wie sie will; sie mag sich so stellen, als ob die Ehrenrettung des jüdischen Offiziers der Gerechtigkeit wegen sich selbst befriedige; sie kann nicht ungeschehen machen, wie sie die Dreyfus- Affäre bisher schnöde ausgebeutet, wie sie ohne bündige Beweise für die Schuld diesen „Märtyrer der Teuselsinsel" nur deshalb als Vaterlandsverräter zu brandmarken versucht hat, weil er ein Jude ist. Unter der Ueberschrift: „Dreyfus und kein Ende" reizte Stöckers Organ „Das Volk" am 4. November 1897 seine Leser durch die Bemerkung auf: „Für 100 000 Christen, die der Sultan niedermetzeln läßt, interessiert sich die Presse sehr wenig. Aber ein einziger Jude, der überdies von einem ordentlichen, unparteiischen Gerichtshof in aller Form verurteilt ist, hält Europa in Atem. Allerdings ist mit dem französischen Nationalgefühl nicht so leicht fertig zu werden, wie mit dem deutschen." Die „Staatsbürger-