Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- Der letzte Akt des Dreyfus-Dramas
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 442 (sequence 7)
- Language
- German
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442 Im deutschen Reich. Die Revision wurde aber so bald nicht erreicht; dazu fürchtete das Ministerium Waldeck-Rousseau die Kanonenstiefel des Generals Mercier und seiner Genossen viel zu sehr; es kam auf den kläglichen Ausweg, Drepfus zu begnadigen Ueber diese „Farce" schrieb am 20. September 1899 die „Berl. Ztg.": „Erst hat man dem Verräter, den man aus der Teufelsinsel wie ein wildes Tier behandelt hatte, mildernde Umstände bewilligt, dann hat man ihm die Wiederholung der Degradation erlassen und schließlich ihn freundlichst ersucht, seine Begnadigung zu erbitten. So geht man in Frankreich mit einem Offizier um, der sein Vaterland an den Erbfeind verkauft haben soll. Dreyfus hat es abgelehnt, um Gnade zu betteln, wo er Recht zu verlangen hatte; er hat sich aber schließlich dazu verstanden, seinen Revisionsantrag zurückzuziehen, nachdem man ihm erklärt, erwürbe auch ohne sein Zutun begnadigt werden." Die antisemitischen Gegner des schwer gepeinigten Mannes haben darin, daß er sich nicht beharrlicher gegen eine ihm unwillkommene Begnadigung sträubte und nicht lieber weiter litt, als auf unbedingte Freisprechung zu verzichten, ein Schuldbekenntnis erblickt. Das war es nicht, sondern nur der Ausdruck der Ueberzeugung, daß die politischen Verhältnisse seines Vaterlandes für diesen Akt der Gerechtigkeit noch nicht geklärt genug seien. Es ha. sich ja gezeigt, daß es noch einer siebenjährigen Läuterung der Armee von der klerikalen Bevormundung bedurfte, einer Befreiung, zu der die energische Freisinnigkeit des Kriegsministers Andre wesentlich beigetragen hat. Die darauf von dem Ministerium Combes angeordnete abermalige Revision des Drep fus-Prozesses hat endlich die im Juni d. I. begonnene neue Verhandlung vor dem Kassationshofe zur Folge gehabt und nun konnte sich der Jubel wiederholen, der Frankreich im Zeitalter Voltaires durchbrauste, als dieser seine mit Hingebung verfolgte selbsterwählte Aufgabe erfüllt sah, die Ehre eines unschuldig Verurteilten wieder vollständig herzustellen. Diesen Triumph konnte leider Emile Zola nicht mehr erleben, aber er hat ihn voraus geahnt, als er mit dichterischer Begeisterung hinausries: ..La verite est en rnarche!” „Die Wahrheit ist auf dem Wege!" Sie ist etwas langsam marschiert, aber auch Gottes Mühlen, die sicher mahlen, mahlen nicht schnell. In Anwesenheit zahlreicher Zuhörer, unter