Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- Das Blutbad in Bialystock
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 430 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316748-2336997--15359-2337071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
430 Iw deutschen Reich. friedlichen Bürger vor Vergewaltigung und Mord. Das Gericht, das über die Bialpstöcker Affäre Lagen wird, muß wissen, daß es sich nicht mehr darum handelt, mit Formalitäten ein Salto mortale über die verschiedenen Kischinew, Homel usw. zu machen, sondern für ganz Rußland ein Bekenntnis für die UnerschüLterlichkeit der Rechtsnormen abzulegen Und darum ist die Hauptaufgabe der Duma jetzt: nicht fulminante Reden Zu halten, sondern mit Einsetzung ihrer ganzen Autorität ein solches Gericht herbeizuführen. Die fulminanten Reden können später kommen, aber erst soll das russische offene Gericht sprechen, damit wir alle wissen, wie dieses Gericht ist." Gleich nach dem Eintreffen der ersten Nachrichten aus Bialpstok hat die russische Reichsduma die reaktionäre Tätigkeit der russischen „Nebenregierung" mit scharfen Worten gebrandmarkt, im Namen des russischen Volkes die Urheber der Schandtaten öffentlich angeklagt und damit den Willen bekundet, sich nicht mehr auf eine gesetzgeberische Tätigkeit zu beschränken. Fürst Urussow, der frühere Ministergehilfe, hat in der Reichsduma Mitteilungen über Vorgänge gemacht, die man ohne sein Zeugnis nicht für möglich halten sollte. Auf ihn richten sich deshalb dieAugen vieler Russen, die in ihm den kommenden Mann erblicken, der als leitender Staatsmann den Einfluß der unheilvollen Männer brechen könnte, die Rußland dadurch ins Verderben führen, daß sie die Staatsgewalt zur Anstiftung des Bürgerkrieges zu verleiten suchen. Wenn selbst der früher; Landwirtschaftsminister A. S. Jermolow es offen auszusprechen wagte, daß das gegenwärtige Ministerium zu einer Versöhnung nichts beitragen könne, da die Dinge sich zu sehr Zugespitzt hätten, daß eine Diktatur ein Ding der Unmöglichkeit sei, und daß Abgeordnete aus den gemäßigten Gruppen der Reichsduma ins Ministerium berufen werden müßten, dann sollte man doch auch in Peterhof endlich erkennen, daß jeder Versuch, die Dinge auf den früheren Stand zurückschrauben zu wollen, völlig hoffnungslos ist. Daß es so, wie in letzter Zeit, wo niemand mehr wußte, in wessen Händen eigentlich die Staatsgewalt liege, in Rußland nicht mehr weiter gehen kann, ist schon jetzt selbst zahlreichen hohen russischen Verwaltungsorganen klar. Dem Minister des Innern haben die Gouverneure der Bezirke von Wilna, Grodno und Kowno berichtet, daß die durch die Bialystocker Vorgänge erzeugte Panik von den unheilvollsten Wirkungen auf Industrie und Handel sei.