Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1906)
- Article
- Das Blutbad in Bialystock
- Date
- 1906-07-01
- Page
- 428 (sequence 3)
- Language
- German
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428 Im deutschen Reich. bei der gelockerten Disziplin selten Gehör. Als ein Offizier den Mördern befahl, sich zu entfernen, erwiderten ihm diese, der Gouverneur hätte ihnen die Juden und deren Geschäfte für drei Tage preisgegeben. Der General Bogajewskp erwiderte höflich mit militärischem Gruß die Hurra-Begrüßung der Huligans. Bis zur späten Abendstunde dauerte das Morden und Plündern. Die Hauptstraßen waren am Donnerstag der Schlacht- und Raubplatz der meuternden Menge. Auch sämtliche jüdischen Wohnungen und Geschäfte in der Vorstadt Bojari wurden geplündert und demoliert. Indessen wurden unerhörte Greueltaten unter dem Schutze und mit Hilfe der Eisenbahn-Gendarmerie am Bahnhof verübt. Die Juden, die dorthin flüchteten, um den Mördern zu entkommen, fielen in die Hände der Eisenbahner, die nicht rechtzeitig nach der Stadt kommen konnten, um dort am „Pogrom" teilzunehmen, und die nun an den fliehenden Juden ihr Mütchen kühlten. Die Flüchtlinge wurden aus den Eisenbahnwaggons auf den Perron herausgeschleppt und in fürchterlicher Weise erschlagen. Die christlichen Bedienten jüdischer Herrschaften sagten offen, daß ihnen gesagt worden sei, daß für die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag eine Bartholomäus-Nacht geplant sei und alle Juden ermordet würden. Dank dem Eintreffen der Dumamitglieder kam es dazu nicht, denn nach deren Ankunft wurden sofort die Feindseligkeiten gegen die Juden eingestellt. Als Vorsitzender der parlamentarischen Untersuchungs- Kommission hat der Duma-Abgeordnete, Professor Schtschepkin, ein äußerst wichtiges Material gesammelt. In seinem Berichte sagt er u. a.: „Ich bin kein Neuling in derartigen Untersuchungen. Als im jüngsten Oktober die Judenmetzeleien in Odessa stattfanden, hatte ich eine ähnliche Untersuchung anzustellen. Als ich jetzt in Bialpstock meine Daten sammelte, kam es mir häufig vor, als ob sämtliche Odessaer Polizeibeamten nach Bialystock übergesiedelt wären und hier nach gleichem Muster gearbeitet hätten. Ich habe in Bialchstock drei Kategorien von Schuldigen feststellen können. Da sind zunächst die unteren Polizeibeamten, wie Schutzleute und Polizeikommissäre; von diesen hat eine beträchtliche Anzahl, wie wir es in unzweideutigster Weise feststellen konnten, an den Judenmetzeleien direkt teilgenommen. Die höheren amtlichen Behörden, Polizeidirektor und Gouverneur, haben sich in ebenso zweifelloser Weise einergroben Fahrlässigkeit schuldig gemacht. Was schließlich die