Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1906-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1906) · p. 427

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1906)
Article
Das Blutbad in Bialystock
Date
1906-07-01
Page
427 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316740-2316748-2336997--15356-2337068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Blutbad in Bialystock. 427 Zwischen dem Proletariat der verschiedensten Konfessionen ein Einverständnis entwickelt durch die Erkenntnis, daß nicht die Juden, sondern die BeamLen-KorrupLion das wirtschaftliche Elend Rußlands verschuldet haben. Was durch die breiten Volksmassen in Vialystock nicht Zu erreichen war, haben aber leider dort im Monat Juni verkappte Polizisten erzielt, die die an Zahl Ziemlich geringe judenfeindliche „Schwarze Bande" dadurch Zu verstärken und zu organisieren imstande waren, daß eine Anzahl verfassungsfeindlicher Offiziere es Zuließen, daß in den Kasernen die Soldaten gegen die Juden aufgehetzt und Zur Teilnahme am Morden und Plündern angeregt wurden. Als derjenige, der die Polizisten dazu kommandierte, gilt derselbe Polizeirat Scheremetjeff, den der Minister später nach Petersburg kommen ließ, um sich über die Vorgänge berichten Zu lassen. Einem Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung" ist von einem intelligenten Offizier und von einigen jüdischen Soldaten erzählt worden, daß vor dem „Pogrom" in den Kasernen eine eifrige antisemitische Agitation getrieben wurde. Man redete den Soldaten ein, der Zar gestatte, die Juden zu morden und ihren Besitz zu plündern, weil sie Feinde Rußlands wären und beschlossen hätten, jeden christlichen Soldat, der nach der Stadt käme, zu kreuzigen. Am Fronleichnamstage wurde in Vialystock in der Mittagszeit, zweifellos aus ein verabredetes Zeichen, als gerade eine katholische Prozession durch die Lindenstraße zog, das Geruch verbreitet, Juden hätten zwei Bomben in die Menge geschleudert. Das Gerücht hatte die traurigsten Folgen für die unglücklichen Juden. Unter Anführung von Schutzleuten stürmten die Mitglieder der „Schwarzen Bande" (Huligans) in die jüdischen Häuser und schlugen die ihnen in die Hände fallenden Juden nieder. Während dies geschah, beschossen Soldaten die gegenüberliegenden jüdischen Häuser, um eine Selbstwehr der Juden zu verhindern. Waren die Huligans mit der einen Straßenseite fertig, so kehrten sie um, die gegenüberliegenden jüdischen Wohnungen und Geschäfte zu plündern; die Soldaten machten dann ebenfalls Kehrt und richteten ihre Gewehre gegen die andere Straßenseite, und so ging es in der langen Linden- und Tikotschinerstraße und auf dem Marktplatz. Einzelne Offiziere ermunterten die Plünderer und Soldaten zu ihrem bestialischen Treiben. Andere Offiziere, die den Mördern Halt geboten, fanden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.