Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-06-01
- Page
- 364 (sequence 7)
- Language
- German
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*64 Im deutschen Reich. inneren Zerrüttung und ihrer anarchistischen Gelüste der Regierung weder Nutzen bringen, noch ernstlichen Schaden Zufügen kann. Jeder Staatsmann, der diese Schreier unbeachtet läßt, bleibt schließlich unbelästigt; wer ihnen den Finger reicht, von dem verlangen sie die ganze Hand; versuchen werden sie aber bei jedem einzelnen, ob er bei der verlogenen Anschuldigung, unter jüdischem Einfluß Zu stehen, ZusammenZuckt, oder ihnen vornehm den Rücken Zuwendet. Kaum hatte der neue Eisenbahmninister BreiLenbach sein Amt angetreten, da bezeichneten ihn schon mehrere antisemitische Blätter als „Judenstämmling". Die Stettiner „Deutsche HochwachL", das Organ des Deutschen Volksbundes, schrieb: „Exzellenz Breitenbach sind ein Hebräer; ein getaufter". Das offizielle Organ der Liebermann v. Sonnenbergschen Antisemiten, das Hamburger „Deutsche Blatt", glaubte bei der Ausschlachtung dieser Mitteilung nicht Zurückstehen zu sollen; es wollte herausgefunden haben, daß der neue Minister „als geborener Jude für liberal angesehen wird, womit ihm die Sympathie der großen liberalen Presse gehört, während Frau und Kinder, die katholisch sind, ihm die Liebe der Zentrumspresse verschaffen". So seien am Familientische des Ministers „alle drei Konfessionen vertreten, entsprechend den deutschen Reichsfarben, schwarz, weiß, rot — katholisch, evangelisch, Jude". Die Leser der antisemitischen Blätter werden es bisher kaum erfahren haben, was inzwischen in weiten Kreisen bekannt geworden ist, daß die ganze Familie BreiLenbach, die in Thüringen ansässig war, früher dem Katholizismus angehörte, gegen Anfang des vorigen Jahrhunderts aber ein Zweig der Familie, dem der jetzige Minister entstammt, zum Protestantismus übertrat. Das Kondolenzschreiben des Reichskanzlers, in dem dieser nebenher die temperamentvolle parlamentarische Tätigkeit des am 22. Mai im Krankenhause in Wiesbaden verstorbenen Abg. Graf Reventlow rühmend hervorhob, hat zweifellos den Kummer der deutschsozialen Antisemiten über den Verlust eines ihrer gewandtesten Wortführer wesentlich gelindert. Als Student und Referendar ein Anhänger der Sozialdemokratie, hatte Graf Reventlow sich am Anfang dieses Jahrhunderts den Agrariern und Antisemiten zugewandt, die ihm 1903 das Reichstagsmandat für Hofgeismar