Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1906)
- Article
- Karl Schurz über Juden und Judentum
- Date
- 1906-06-01
- Page
- 348 (sequence 6)
- Language
- German
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348 Im deutschen Reich. Schande muß sie Zu gründe gehen. Die großherzigen Triebe der menschlichen Natur, die Zivilisation dieses Zeitalters weist sie in ein Grab der Schmach und Verachtung. Was aber dauern wird, das ist der heilbringende Einfluß und das holde Angedenken solcher EdelLaten, wie die Ihrigen, Taten der Verbrüderung der Menschheit. Und so möge das „Montefiore-Heim" immerdar des Namens würdig sich bewähren, den es trägt, ein Segen den Leidenden, eine Ehre für die Begründer und Unterstützer, die sich diese Ehre, wie sie sie bis jetzt errungen, in der weiteren Zukunft immer von neuem verdienen werden!" Iw Jahre 1890 beantwortete der Verstorbene die vier den Antisemitismus betreffenden Fragen der „American-Hebrew" folgendermaßen: 1. „Ich kann so wenig Rechtfertigung für das Unterhalten eines Vorurteils gegen Individuen, nur weil sie Juden sind, finden, als ich Rechtfertigung für solches Vorurteil gegen Individuen, nur weil sie Calvinisten, oder Unitarier, oder Neu- England-Iankees, oder New-Iorker, oder Deutsche, oder Franzosen, oder Ungarn usw. sind, finden kann. Ich kenne keine andere gerechte Regel, als daß ein Mensch nach seinem Charakter und nicht nach Religion oder Rasse beurteilt werden soll. Eine lange Erfahrung und eine ausgedehnte Bekanntschaft unter Leuten verschiedener Klassen, Glauben, Stellungen, haben mich gelehrt, daß diejenigen, welche am meisten darauf bestehen, daß man die Menschen nach Religion oder Nationalität, mehr als nach ihrem Charakter beurteilen soll, selbst nicht viel Charakter besitzen, auf den sie stolz sein können, und daher ein anderes Prinzip vorziehen. 2. Religiöser Unterricht hat ohne Zweifel viel getan, ein Vorurteil hervorzubringen und zu hegen. Aber es ist nicht seine einzige Quelle. Da ist noch das schlechte Gewissen der herrschenden Gesellschaft, welche dabei beharrt, die Juden zu tadeln und sie allein für alle natürlichen Wirkungen, welche Jahrhunderte grausamer Verfolgung auf sie hervorgerufen haben, verantwortlich zu machen. Immerhin gibt es Personen, die so der Selbstachtung bar find, daß sie glauben, sich selbst erheben zu können, wenn sie das Stigma der Niedrigkeit einer anderen Volksklasse aufdrücken — Personen, so niedrig denkend, daß sie sich groß fühlen, wenn sie jemand besitzen, den sie stoßen können.