Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1906)
- Article
- Karl Schurz über Juden und Judentum
- Date
- 1906-06-01
- Page
- 347 (sequence 5)
- Language
- German
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Karl Schurtz über Juden und Judentum. 347 schmeiden prunkten, auf ihre Kinder hinwies mit den Worten „Dies sind meine Juwelen!" Wenn die alte Welt uns auf die Pracht ihrer Fürstenpalüste und Königsfchlösser hinweist, so deutet die amerikanische Republik auf ihre Lehrstätten und Krankenhäuser, die von der patriotischen Großmut schlichter Bürger geschaffen wurden, und spricht: Dies sind meine Paläste! Und daß das Volk Amerikas Zu diesem stolzen Wort berechtigt ist, dazu haben die Juden ebensoviel beigetragen, wie irgend eine Klasse der Bevölkerung, ja, ich darf hier wiederholen, was ich oft in Gegenwart anderer gesagt, die Juden haben im Verhältnis Zu ihrer Zahl viel mehr getan. Ich wiederhole dies mit um so größerer Bereitwilligkeit, als ich neuerdings Gelegenheit hatte, die ursächlichen Quellen, den Charakter und die Ziele der sogenannten .Antisemitischen Bewegung' zu beobachten — einer Bewegung, deren finsterer, fanatischer und verfolgungssüchtiger Geist eine Beschimpfung für die erleuchtete Humanität des 19. Jahrhunderts ist, deren Ruf an das blödeste Vorurteil und die blinde Leidenschaft ergeht, deren Ungerechtigkeit jedes Gefühl der Billigkeit und des Anstandes schmäht, deren Feigh eit — denn Feigheit ist ein wesentlicher Bestandteil jenes Beginnens, die mitstrebenden Kräfte von kaum einer Hand voll Menschen zu unterdrücken — deren Feigheit, sage ich, die Verachtuug jedes Mannes, der Selbstwürde hat, wachrufen muß. Angesichts dieser Bewegung, die auf Jahre hinaus die Ruhe einiger Länder Europas gestört und ihre Schatten selbst über den Ozean hinüber auf unsere Küsten geworfen hat, ist es für das Menschenherz doppelt wohltuend, den Präsidenten des „Montefiore-Heim" sagen zu hören, daß dieses Dach zwar bestimmt ist, die Bedürftigsten Israels zu schützen, daß aber kein Menschenwesen seines religiösen Bekenntnisses wegen von dieser Zufluchtsstätte ausgeschlossen werden soll. Er dürfte den lärmenden Antisemiten bei der Hand nehmen, ihm die Kranken- und Waisenhäuser, die Freischulen zeigen, welche jüdisches Geld, jüdische Arbeit, jüdischer Gemeinsinn, jüdische Herzensgute und Opferfreudigkeit geschaffen und unterhalten, und ihm sagen: „Wenn Du Kranke hast, Greise, Kinder, die nirgends Hilfe finden, hier haben wir Raum für sie, sie sind willkommen." Was hat der Antisemit zur Antwort? Nein, und wieder nein, diese „Bewegung' kann nicht am Leben bleiben. An ihrer eigenen