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Im deutschen Reich · 1906-06-01 · Heft 6 (Juni 1906) · p. 345

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 6 (Juni 1906)
Article
Karl Schurz über Juden und Judentum
Date
1906-06-01
Page
345 (sequence 3)
Language
German
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Karl Schurz über Juden und Judentum. 345 bei der Einweihung dieses Denkmals der Wohltätigkeit tätig sein zu können. Den einen finde ich in dem Zwecke, dem dieses herrliche Gebäude dienen soll, den andern in der Tatsache, daß der Name, den es trägt, einen der edelsten Männer dieses Jahrhunderts, wenn nicht aller Zeiten, verewigt. Der Ruhm Sir Moses Montefiores ist verschieden von dem der meisten gefeierten Männer. Es ist nicht der Ruhm eines Dichters, eines Künstlers, eines Gelehrten, eines Staatsmannes oder eines Herrschers — er war ein einfacher Bankier, ein Kaufmann. Er errang fein Vermögen durch ehrliche Arbeit auf dem Geldmärkte, er war ein schlichter Bürger, keineswegs in hoher sozialer Stellung geboren, und war ein Jude, ein Jude zu einer Zeit, wo in vielen Ländern Jude sein eine Last von Vorurteilen, von politischen und sozialen Beschränkungen tragen hieß. Und noch mehr; da er Jude war, bestrebte er sich, vor der Welt auch als Jude zu gelten. Mit der gewissenhaftesten Treue hing er an den Satzungen und Gebräuchen seines Glaubens, strengorthodox in Gesinnung und Tat, wollte er, daß die Welt wisse, daß er ein Jude sei. Aber seine Religion war diejenige, welche nicht nur bekennt und glaubt, sondern auch handelt. Sein Charakter und seine Lebensführung als Mann würden jedem Bekenntnis zur Ehre und den besten Lehren jeder Religion zur Zierde gereicht haben. Ihn ehrten Minister, Könige, Kaiser, Paschas und Sultane, deren Achtung er nicht durch das Gewicht seines Vermögens, sondern durch den Zauber seiner Herzensgüte sich erwarb. Wo immer Not und Elend seine Stammesgenossen heimsuchten, war er zu helfen bereit, indem er nicht nur mit vollen Händen von seinem Ueberflusse gab, sondern selbst hinauszog, zu sehen, zu prüfen, zu raten, zu helfen — nicht einmal, sondern wieder wieder und immer wieder, von England nach Marokko, nach Konstantinopel, nach Syrien, nach Jerusalem. Ob Christ, ob Heide oder Jude, sie alle fanden seine Börse offen, sein tiefes Mitgefühl, seinen weisen Rat, seinen mächtigen Einstuß tätig und hilfsbereit. Selbst die Feinde seines Glaubens bezwang die Hochherzigkeit und Milde des wunderbaren Mannes, und als er, ein Hundertjähriger, starb, da wob der Glanz seiner unzähligen Wohltaten einen Glorienschein um sein Haupt, umstand die Liebe und Verehrung der Gesamtmenschheit seine Bahre. Wahrlich, er darf der Fürst Israels genannt werden, ein leuchtendes Vorbild für die Christenheit, ein Stolz und eine Zier des Menschen-

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