Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 324 (sequence 14)
- Language
- German
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324 Im deutschen Reich. der Willkür der von dem General Trepow geleiteten Prätorianer kaum Schranken setzen kann und wird. Durch diesen Personenwechsel haben die Juden Rußlands weder etwas verloren, noch etwas gewonnen. Die Entscheidung liegt in der am 10. Mai eröffneten „Reichs dum et"; wenn die neue Volksvertretung den jetzigen Machthabern imponiert, werden diese schon aus Rücksicht aus das „ein verfassungsmäßiges Regiment in Rußland" erwartende Ausland, die Lage der russischen Untertanen jüdischen Glaubens mindestens nicht verschlechtern. Elf Juden haben Sitz und Summe in der Reichsduma; Dr. Winawer, einer der bedeutendst-n Führer der Kadettenpartei, die Schriftsteller Zolles, Ostrogorski, ferner Dr. Frenkel, Advokat Vramson, Advokat Scheftel. Die übrigen fünf jüdischen Abgeordneten find bekannte Führer der Zionisten, nämlich: Dr. Levin-Wilna, Dr. Bruck- Wittebsk, Rechtsanwalt Jacubsohn-Slonim, Rechtsanwalt Rosenbaum-Minsk und Dr. Katzenelsohn-Libau, der Präsident der Jüdischen Kolonialbank in London. Nach der offiziösen Mitteilung der „Petersburger Telegraphen-Agentur" sollten Israeliten aus allen Gegenden Rußlands kürzlich dem Grafen Witte ihren Dank dafür zum Ausdruck gebracht haben, daß infolge der von ihm getroffenen tatkräftigen Maßnahmen während des Osterfestes es Zu keinen gegen die Juden gerichteten Handlungen gekommen ist, während in früheren Zeiten, als Rußland sich der Ruhe erfreute, die Osterfeiertage sich stets durch Gewalttätigkeiten gegen die Juden kennzeichneten. Ob diese erfreuliche Tatsache dem Grafen Witte oder dem Finanzbedürfnis der russischen Regierung zu danken war, mag dahingestellt bleiben. Zur Befreiung der russischen Juden vom Sklaoenjoch fehlte ihm die Macht, der Wille und die vorurteilsfreie Gesinnung. Einem Berichterstatter gegenüber, der ihn kürzlich über die Aussichten auf eine Besserung der Lage der Juden befragte, antwortete der Graf: „Nein, diese Ausgabe hat die Regierung nicht. Ich persönlich stehe den Juden sehr sympathisch gegenüber und wünsche, sie völlig frei zu sehen, aber die Juden find selbst daran schuld, wenn sie jetzt nicht befreit werden. Sie stehen überall in der Revolution an erster Stelle." Darauf erhielt er die verblüffende Antwort: „Aber, Herr Graf, das ist doch ganz natürlich!" Für einen verknöcherten Büreaukraten, wie es Wittist, war die Weisheit Schillers: „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette zerbricht, vor dem freien Manne erzittere nicht!"