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Im deutschen Reich · 1906-05-01 · Heft 5 (Mai 1906) · p. 319

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 5 (Mai 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-05-01
Page
319 (sequence 9)
Language
German
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Umschau. 319 künstlich konstruierte Lehrsatz vom „Christlichen Staat" ist von dem arisch - christlichen Kirchenrechtslehrer Sohm überzeugend widerlegt worden, bildet aber nach wie vor das Alpha und Omega der konservativen Staatsweisheit. Instinktiv suhlen aber doch schon die verschiedensten Parteien heraus, daß man bei dieser Staatsweisheit in Bahnen einlenkt, die sich im Zarenreiche als verhängnisvoll erwiesen haben. Es ist eine Ironie der Tatsachen, daß der Impuls zu einer Aenderung dieses rückschrittlichen Kurses von Seiten kommt, die sonst freiheitlichen Fortschritten durchaus abgeneigt sind, und nicht etwa die liberalen politischen Parteien sind es, die zuerst den Weg bahnen, auf dem man unbekümmert um die dadurch erschrecktenKonservativen schließlich in jedem Kulturstaat zur „Freiheit des religiösen Bekenntnisses" gelangen wird und gelangen muß. Daß die logische Konsequenz des konservativen Lehrsatzes vom „Christlichen Staat" das „protestantische Kaisertum" sein könnte, war den hellsehenden Führern des katholischen Zentrums stets so klar, daß sie seit Jahren es für eine Notwendigkeit erachteten, bei aller Glaubensfestigkeit für die Freiheit der ReligionsÜbung einzutreten, und ebenso zähe als zielbewußt im Parlament den Toleranz-Antrag durchzubringen strebten. Der Zentrumsredner Abg. Gröber hat sich bei der am 2. Mai im Reichstage stattgehabten Zweiten Beratung des Toleranz-Antrages feierlich dagegen verwahrt, daß seine Partei bei diesem Anträge Hintergedanken habe: indessen halten doch viele, die für den liberalen Grundgedanken des Antrages eingenommen sind, es für nicht ausgeschlossen, daß die Annahme des Antrages zunächst dem Einfluß der katholischen Kirche auf zahlreiche deutsche Verhältnisse, Z. B. auf dem Gebiet der Kinderpflege, Zu statten kommen, auch dazu führen würde, das Ordenswesen mächtig zu erweitern. Das ist aber für die Konservativen kaum der eigentliche Grund, weshalb sie im Reichstage durch den Abg. Henning kurz und bündig erklären ließen, sie würden jedesmal, wenn das Zentrum mit seinem „Toleranzantrage" käme, ihn grundsätzlich in allen seinen Teilen ablehnen. Für sie ist es eine Unmöglichkeit, die Selbständigkeit der Landeskirchen anzutasten und einen freien Wettbewerb der religiösen Gemeinschaften zuzulassen, trotzdem das Beispiel Amerikas zeigt, daß die volle Freiheit in religiösen

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