Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- Central-Vereins-Versammlung in Nürnberg
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316746-2336693--15126-2336779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
308 Im deutschen Reich. bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben. Insbesondere soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Aemter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein/ Damit kommt zum Ausdrucke, daß der Staat auf paritätischer Grundlage aufgebaut ist und Bürger zweiter Klaffe nicht kennt. Nur nach dem Werte der Persönlichkeit soll der einzelne, geschätzt werden; anderes kann nicht als differenzierendes Moment gelten. Hat auch der Antisemitismus iw Vergleiche zu früher gewisse häßliche Formen abgestreift, genug: er ist noch da; er ist bei Gelehrten, wie im Schoße der Verwaltung, im Gesellschafts- und Wirtschaftsleben zu finden. Welch gewaltige, von bewußter Unwahrheit getragene Frontangriffe gegen Religion und Rasse waren im Laufe der Jahre abzuschlagen! Gewissenlosen Hetzartikeln begegnete man tagaus, tagein in den Spalten der gegnerischen Zeitungen. Alle besseren Regungen hatte der Antisemitismus terrorisiert, eine allgemeine Umwertung der Begriffe: arisch und jüdisch herbeizuführen versucht. Niemand fiel dieser Bewegung in die Speichen. Nur dem Central-Verein ist es zu danken, wenn hierin Wandel geschaffen wurde. Wenn auch nicht mehr unter dem offen ausgesprochenen Losungsworte des Judenhasses, so ist doch unter der Devise der „Mittelstandspolitik" der Antisemitismus auch heute noch in den deutschen Parlamenten vertreten. Und wenn auch nicht in den Gesetzen, so doch in der Praxis der Verwaltung. Schlimmer noch, als alles das waren die wirtschaftlichen Flugblätter „Kauft nicht bei Juden", welche namentlich zur Weihnachtszeit in die Welt geschleudert, besonders auf kleinen Plätzen die Existenz vieler Juden auf das schwerste geschädigt haben. Dazu traten noch die fürchterlichen Anklagen wegen Fleischbesudelungen und Ritualmorden. Judenhaß war das Feldgeschrei und die Losung. Niemand fiel in die Zügel; in unseren eigenen Reihen sahen wir das Selbstvertrauen vielfach geschwächt und, als Folge davon, die feilen Uebertritte sich mehren. 1890 trat der Gneist-Rickert-Verein zur Abwehr des Antisemitismus auf den Plan, dessen verdienstlichem Wirken, welches sich namentlich in der Herausgabe des „Antisemiten - Spiegel" und der „Mitteilungen" des Vereins äußerte, volle Anerkennung zu Zollen ist. Nicht minder gilt dies von dem „Komitee zur Abwehr des Antisemitismus", das bald darauf seine Tätigkeit