Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- Central-Vereins-Versammlung in Nürnberg
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 309 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316740-2316746-2336693--15127-2336780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Central-Vereins-Versammlung in Nürnberg. 309 begann und sich inzwischen nach ersprießlichem Schaffen aufgelöst hat. 1893 trat ein Wendepunkt ein durch das Jnslebentreten des Central-Vereins. Die Selbsthilfe war unsere Parole; die ganze Judenheit sollte herangezogen, dem Antisemitismus der Anti-Antisemitismus entgegengesetzt werden. Die Zahl der Einzelmitglieder unseres Vereins beträgt zur Zeit 19 000 (mit den korporativ angeschlossenen Organisationen umfaßt der Central - Verein 110 000 Mitglieder), unsere Vereins-Zeitschrift „Im Deutschen Reich" erscheint in 20 000 Exemplaren. Vermag der Verein auch nicht allen an ihn gelangenden Anforderungen zu genügen, nicht allen Bedrängnissen zu steuern, so kann die Antwort auf die Frage seiner Existenzberechtigung doch nicht anders lauten, als: „Ja, es ist richtig gewesen, den Verein ins Leben zu rufen!" Er sieht seine Aufgabe darin, die staatsbürgerlichen Rechte aller Juden schützen zu helfen, gleichviel, ob diese Juden der orthodoxen oder heterodoxen Richtung huldigen. Niemand wird sagen können, daß hierin jemals auch nur der leiseste Unterschied statuiert worden sei. Wenn wir für das Schächten eintreten, geschieht dies nicht, weil wir orthodox sind, sondern weil diese Frage die Gewissensfreiheit aller Juden berührt, weil wir nicht dulden können, daß unter der Maske des Tierschutzes sich die Gegnerschaft wider das Judentum kunögibt. Kein religiöser, sondern ein politischer, aber nicht ein parteipolitischer Verein sind wir. Mit den Liberalen wünschen wir ein Zusammengehen. Aber einzelne Wünsche trennen uns von ihnen, so namentlich auf dem Gebiete des Religionsunterrichts. Gleichwie der christlichen Religionsgemeinschaft, soll auch der jüdischen innerhalb der preußischen Monarchie der Paragraph 166 zugute kommen. Wir sind deutsch; die Grenzzeichen des Vaterlandes sind auch die unseres Strebens. Wir sind deutsch, nicht im Sinne der Teutonen nach dem Schlage Ahlwardts und Pücklers, sondern im Sinne unserer geistigen Heroen. Wir fühlen und denken deutsch und lassen uns nicht vom Boden echter Vaterlandsliebe abdrängen. Unsere eigene Kultur ist eine ehrwürdig alte, die beispielsweise am Rhein schon im 13. Jahrhundert die herrlichsten Blüten zeitigte. Wenn Treitschke die Auflösung, Paulsen die Assimilation der Judenheit fordert, so erwidern wir: wir brauchen weder