Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 294 (sequence 16)
- Language
- German
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294 Im deutschen Reich. gezogen. Dazu braucht man ab und Zu ihre Mitunterschrift für Wohltätigkeitszwecke, und dann sucht man sich vorsorglich die wenigen Personen aus^ deren Unterschrift man wünscht. Wo es sich um Hilfe für Juden allein handelt, da schweigt die interkonfessionelle Wohltätigkeit gewisser Kreise. Während es für den Juden ganz selbstverständlich ist, daß es bei Fragen der Wohltätigkeit keinen Unterschied gibt, während der Jude nur Hilfsbedürftige ohne Unterschied der Konfession kennt, während für den Juden schon dem Worte nach Wohltätigkeit mit Gerechtigkeit gleichbedeutend ist, treten Christen heutzutage für Juden allein nur noch ausnahmsweise ein. Der Jude hilft vermöge seiner religiösen und moralischen Ueberzeugung selbst seinem Feinde, wenn er Hilfe braucht, der Christ wendet sich heutzutage ab, wenn es nur dem Juden gilt. Das treffendste Beispiel dieser Art bot das furchtbare Unglück, das über die Juden in Rußland hereingebrochen war. 10 0O0 wurden getötet, 10 000 wurden verwundet, 100 0O0 ihres Vermögens beraubt. Alle Welt war Lief erschüttert, in England, in Dänemark, in Schweden, in Amerika, in Italien regte sich jedermann, um zu helfen. Dort standen überall Christen, christliche Geistliche an der Spitze der Hilfstätigkeit. Und in Deutschland? Der Auf-' ruf des Hilfsvereins der Deutschen Juden richtete sich an alte Deutschen jeglichen Bekenntnisses. Es meldete sich in Berlin fast kein Christ. Von den hohen Beamten, von den reichen Industriellen und Fabrikanten, vom hohen und niederen Adel, von der reichen Geschäftswelt in Berlin — niemand; alles schwieg, keiner hob eine Hand; es handelte sich ja nur um Juden, und noch dazu um russische. Im Westen und Süden Deutschlands wurde es besser, es traten auch Christen mit an die Spitze der Sammelkomitees, es zeichneten auch Christen Beträge — in Berlin niemand, altes hielt sich zurück. Es war ja nur für die Juden. Da wurde endlich und nach mühsamen Verhandlungen auch ein interkonfessionelles Komitee Zusammengebracht, aber das erste, was das Komitee tat, war, zu erklären, daß es nicht nur für die Juden sammeln wolle, sondern auch für die Christen, die bei der Hilfeleistung verunglückt seien. Etwas, was für die jüdischen Komitees ganz selbstverständlich war und keiner besonderen Erwähnung bedurfte, mußte bei dem interkonfessionellen Komitee an die Spitze gestellt werden.