Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1906-05-01 · Heft 5 (Mai 1906) · p. 293

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 5 (Mai 1906)
Article
Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
Date
1906-05-01
Page
293 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316740-2316746-2336690--15109-2336764
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland. 293 Dingen, denken sie, daß die Juden noch auf dem Standpunkt früherer Jahrhunderte stehen, find höchlichst erstaunt, wenn sie einmal Zufällig in die modern eingerichteten und modern geleiteten Verwaltungen der Gemeinden und Vereine hineinsehen, erkühnen sich in Broschüren und im mündlichen Verkehr den Juden vorschreiben Zu wollen, wie sie sich Zu verhalten haben, und sind selbst froh, wenn sie nicht mit Juden Zusammengehalten oder Zusammengestellt werden. Diese und deren Meinung haben in gewissen Kreisen, auch unter Anwälten, bei Banken, in industriellen und Handelsunternehmungen einen erheblichen Einfluß; sie sind es, deren Urteil und Ausspruch allen Juden, die die gesellschaftliche Gleichstellung erstreben, vorgehalten wird. Sie kennen ihre Glaubensgenossen nicht, aber sie halten sie zurück, sie wollen keine Gemeinschaft mit ihnen, damit sie als etwas Besseres erachtet werden als sie, sie wollen sich gesellschaftlich höher bringen und benutzen dazu als Fußschemel ihre Glaubensgenossen. Besonders tritt dies auf dem Gebiete der Wohltätigkeit hervor, sobald die Oeffentlichkeit in Frage kommt, und mancher von den geschilderten Glaubensgenossen ist stolz daraus, hier niemals ans der gemeinschaftlichen Liste zu fehlen. In der letzten Zeit scheint aber auch auf diesem Gebiete sich eine Wandlung vollzogen zu haben. Früher verstand man unter interkonfessioneller Wohltätigkeit diejenige, bei der sich Mitglieder aller Konfessionen zusammentaten, um Hilfsbedürftigen ohne jeden Unterschied der Konfession beizustehen. Ja, Christen waren sogar ausschließlich und in erster Reihe für Juden hilfsbereit. Ein christlicher Baron von Kottwitz hat im Jahre 1835 die jüdische Waisenanstalt zu Posen errichtet und dazu die Genehmigung des Königs erhalten, der sächsische Verein zur Hebung des Handwerks unter den Juden ist 1829 aus Betreiben des Königs von Sachsen errichtet und Jahre hindurch von den Mitgliedern des Königshauses mit Beiträgen versehen worden. Kaiserin Augusta, Kaiserin Friedrich haben alljährlich einer bestimmten Anzahl jüdischer Institute ihre -Beihilfe zugewendet, und einzelne Institute von Jahr Zu Jahr besucht. Und jetzt?! Heutzutage versteht man unter interkonfessioneller Wohltätigkeit (wie überhaupt unter Jnterkonfessionalität) in gewissen Kreisen nur die Mitwirkung von Protestanten und Katholiken, die Hilfe für Protestanten und Katholiken. Die Juden werden nur noch Zum Geben heran-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.