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Im deutschen Reich · 1906-05-01 · Heft 5 (Mai 1906) · p. 291

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 5 (Mai 1906)
Article
Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
Date
1906-05-01
Page
291 (sequence 13)
Language
German
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Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland. 291. mag an dieser Stelle eine Frage erörtert werden, die am klarsten bei der Anwaltschaft in die Erscheinung tritt, die aber auch für alle bisher behandelten Berufe und Gesellschaftskategorien von Bedeutung sein dürfte. Es darf nicht die Meinung aufkommen, daß Bewerbern der Vorzug zu geben ist, weil sie Juden sind. Ja es mag in Zeiten ruhiger Entwicklung, in Jahren, wie wir sie von 1866 bis 1876 gehabt, auch die Frage nach dem Bekenntnis eine recht nebensächliche und nicht näher zu prüfende sein. In Zeiten aber, wie wir sie seit dem Auftreten Stöckers und Treitschkes erleben, ändert sich die Sachlage. Die Antisemitenbewegung war keine vorübergehende. Die hochsinnige Kaiserin Augusta hatte sich geirrt, als sie aussprach: „Berlin treibt über Nacht, man weiß nicht woher, eine Pflanze auf; am anderen Tage ist sie wieder vergangen und sie hat keine Wurzel." Die Pflanze war am anderen Tage nicht vergangen, sie hat Wurzel getrieben und sich zu einer mächtigen Schlingpflanze ausgebildet, die alles erdrücken will, was sie in ihre Fänge bekommt. In Zeiten des Kampfes haben wir Juden uns anders zu verhalten als in ruhigen. Gerade weil man uns ausschließen will, haben wir uns zu wehren und in allen Berufen die Bekenntnisfrage nicht aus dem Auge zu verlieren. Nicht um uns einen Vorteil zu verschaffen, sondern um Nachteil von uns abzuwehren. Nicht um den jüdischen Verussgenossen, bloß weil er Jude ist, vorzuschieben, sondern um den jüdischen Genossen davor zu schützen, daß er Zurückgedrängt werde, bloß weil er Jude ist. Und so wie in jedem anderen Berufe, so ulüssen meines Erachtens auch die jüdischen Rechtsanwälte darüber wachen, daß sie nicht Zurückgedrängt werden, weil sie Juden sind. Sie bilden in Berlin bei weitem die Majorität, sie haben jede Wahl in der Hand, sie lassen sich aber bei jeder Wahl zurückdrängen. Ist es ein Zufall, daß schon zweimal der stellvertretende Vorsitzende der Anwaltskammer, der ein Jude war, nicht zum Vorsitzenden gewählt worden ist? Man spricht von dem Interesse der Anwaltschaft, vom Interesse des Staates, und man vergißt dabei, daß die Gegner alles das geschickt auszunutzen verstehen. Sie sind ja nicht umsonst Advokaten. Und so kommt es denn, daß die Juden auch da, wo sie die Macht haben, sich trotzdem zurückdrängen lassen. Die Gegner sind schlau genug, die Uneinigkeit zu steigern, und teils durch heimliche Vereinbarungen, teils durch geschickte Ausnutzung der menschlichen

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