Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 285 (sequence 7)
- Language
- German
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Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland. 285 Und wie mit dem Chemiker, so ist es mit dem Physiker und mit dem Ingenieur. Derjenige, auf dessen Entdeckung die heutige Entwicklung des Elektrizitätswesens beruht, war ein Jude; derjenige, der den Gedanken einer technisch-physikalischen Reichsanstalt gefaßt und diesem Gedanken zur Uebertragung in die Wirklichkeit verholsen, der zugleich die deutsche Feinmechanik auf ihre jetzige Höhe gebracht hat, war ein Jude. Bei der Nutzbarmachung der Astronomie und der Wetterkunde wirken Juden mit, zu den Leitern unserer elektrischen Industrie, zu den Beförderern der deutschen Schiffstechnik gehören an hervorragendster Stelle auch Juden; aber die Unterbringung von Technikern und Ingenieuren jüdischen Glaubens in jenen Berufen ist eine der Schwierigkeiten, die sich nur überwinden lassen, wenn entweder den Bewerber höchste Kenntnisse auszeichnen, die nicht übersehen werden dürfen und gut ausgenützt werden können, oder wenn „Onkel und Tante", wie man zu sagen pflegt, ein entscheidendes Wort mitreden können. Selbst im Handel macht sich das Bestreben breit, die Juden zurückzuhalten. Man sollte es kaum glauben, tatsächlich ist es aber so, daß die Juden selbst auf diesem Gebiete zurückgedrängt werden. Es soll gar nicht von dem „Verein der Deuischnationalen Handlungsgehilfen" die Rede sein, welcher ausschließlich gegen die jüdischen Kaufleute tätig ist, die Angestellten der jüdischen Chefs veranlaßt, bei den Vertretungskörperschaften und den Wahlen zu denselben gegen ihre eigenen Chefs zu agitieren, und dann mit großen Worten in der Oeffentlichkeit gegen die jüdischen Chefs zu Felde zieht, wenn diese sich wehren und ihr Haus antisemitenrein halten wollen. Aber es muß einmal auf die Verhältnisse an den Börsen und bei den Großbanken hingewiesen werden. Hier gab es doch früher wenigstens keine Unterschiede. Wer tüchtig war, rückte vor, wer sich durch kaufmännische Fähigkeiten auszeichnete, errang sich die Stellung, gleichgiltig, welchen Glaubens er war. Heute ist dies nicht mehr der Fall. An den Börsen hängt die Ernennung Zu Kurswaklern von den Behörden ab. Es wird deshalb in Berlin auch stets nur ein Jude auf drei Christen zum Kursmakler ernannt. An anderen Börsen ist das Verhältnis noch schlechter. Bei vielen Großbanken werden Juden gefliffentlich aus maßgebenden Stellen ferngehalten. Es hat ja noch fast jede