Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1906)
- Article
- Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
- Date
- 1906-05-01
- Page
- 286 (sequence 8)
- Language
- German
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Zm deutschen Reich. 28<> Großbank in ihrem Vorstande einen oder zwei jüdische „Renommierschülzen". Ganz kann sie die Juden nicht entbehren, einmal ihrer Leistungen wegen und sodann, um nicht den Geld- und Handelsverkehr mit den Juden zu verlieren; man muß sich nach allen Richtungen hin decken können; man muß sich a deux mains halten. Mit verschwindenden Ausnahmen aber wird der jüdische Nachwuchs serngehalten. Es ist „Stil", daß jüdische Bankdirektoren, wenn sie zu Vermögen gekommen sind, sich oder wenigstens ihre Kinder taufen lassen, aber es ist auch „Stil", bei der Anstellung in hervorragenden Stellungen, bei der Zuziehung von Sachverständigen, bei der Betätigung in der Oeffentlichkeit sich möglichst mit Personen christlichen Glaubens zu umgeben. Man muß „Rücksicht auf seine christlichen Kollegen nehmen", man wacht seine Entscheidung von der „Zustimmung eines maßgebenden christlichen Kollegen" abhängig, und die Folge davon ist, daß der jüdische Bewerber nicht ankommen kann oder allenfalls kalt gestellt wird. Und wie bei Großbanken, so ist es auch im Handelsverkehr. Was früher nur die Ausnahme war, ist heute die Regel; fast durchweg wird von Bewerbern die Angabe der Konfession gefordert. Große Handelsgeschäfte legen den Bewerbern eine Anzahl von Fragen vor, und zu diesen gehört jetzt fast immer gleich nach den ersten beiden Frager: über Namen und Alter als dritte Frage, die Gretchenfrage: Wie hast Du's mit der Religion? Bei den Kunden fragt fast ein jeder Kaufmann wohl, ob er Geld hat, nicht ob er Jude oder Christ ist, bei der Anstellung wird leider schon von einem sehr großen Teil diese andere Frage in den Vordergrund gestellt. Daß der Staat die Zahl der jüdischen Kursmakler beschränkt, daß er Juden nicht mehr zu Lotterie-Kollekteuren macht — früher gab es solche jüdische Kollekteure, darunter einzelne, die aus den Freiheitskriegen als Offiziere heimgekehrt waren, — das ist noch zu verstehen, wenn auch nicht zu entschuldigen. Daß aber Industrie und Handel, daß Großbanken, Fabrikanten und Großkaufleute jüdische Bewerber zurückdrüngen, ist nicht einmal zu verstehen, leider aber eine unumstößliche Tatsache.