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Im deutschen Reich · 1906-05-01 · Heft 5 (Mai 1906) · p. 284

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 5 (Mai 1906)
Article
Die gesellschaftliche Stellung der Juden in Deutschland
Date
1906-05-01
Page
284 (sequence 6)
Language
German
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284 Im deutschen Reich. In den großen Städten, an den Häfen, in den' großen Fabriken und Werften besteht wohl der Kampf um Arbeit und Lohn unter den Arbeitern, aber kein Kampf um des Glaubensbekenntnisses willen. Anders schon unter den Handwerkern. Bekanntlich sind gerade Handwerker eifrige Vorkämpfer des Antisemitismus; und gerade Innungen bemühen sich, jüdische Handwerker aus ihren Reihen ^fern Zu halten. Aber auch hier scheint der Druck ein wenig nachzulassen. Man hat sich entgegen der bisherigen Auffassung überzeugt, daß es kein Handwerk gibt, das nicht schon seit Jahrhunderten von Juden betrieben worden wäre, und daß nicht erst jetzt die Juden in einzelne Handwerke „einzudringen" bemüht sind. Man hat auch eingesehen, daß ein Versuch des Ausschlusses zwecklos, ja direkt töricht ist. In einer sächsischen Provinzialstadt beschlossen die Uhrmacher, alle jüdischen Gesellen zu entlassen, und da stellte sich heraus, daß es in der ganzen Stadt nur einen jüdischen Gesellen gab und daß dieser im Dienst des antisemitischen Obermeisters stand, der jenen Beschluß beantragt hatte. Zwar gibt es noch Jnnungs- und freie Meister, die öffentlich gegen die Juden wettern, bei der Ausübung des Handwerks aber arbeiten doch sehr oft jüdische und christliche Meister und Gesellen ruhig und friedlich zusammen, und die Unterbringung jüdischer Knaben als Handwerkslehrlinge har fast noch niemals Schwierigkeiten gemacht. Das Pankower Waisenhaus z. B., das alljährlich eine größere Anzahl seiner Zöglinge bei Handwerksmeistern unterzubringen hat, ist noch niemals dabei auf Schwierigkeiten gestoßen. Christliche Handwerksmeister haben stets die Zöglinge ausgenommen und haben sie — mit ganz verschwindenden Ausnahmen — auch während der Lehrzeit niemals einen Unterschied fühlen lassen. Je höher wir aber in der Stufenleiter hinaufsteigen, desto schlimmer wird es. In der Industrie ist es vielfach Mode geworden, die Techniker nach ihrem Glaubensbekenntnis anzustellen. Ist es doch eine allbekannte Klage der jüdischen Chemiker, daß es ihnen höchst selten gelingt, ein Unterkommen zu finden. Man wird immer einzelne jüdische Angestellte zum Gegenbeweise anführen können, aber die Erfahrung hat gelehrt und jeder Tag zeigt es, daß der Chemiker nur selten oder nur nach vielfachen Bemühungen ein Unterkommen finden kann, wenn er Jude ist.

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