Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 252 (sequence 5)
- Language
- German
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252 Im deutschen Reich. worden, möglichst an die Oeffentlichkeit zu bringen, sondern auch die Erforschung der Prozeß-Akten weiter intensiv zu betreiben. Am Gründonnerstag des Jahres 1476 verschwand das 3 Jahre alte Söhnchen des Andreas Unverdorben in Trient, wo die Juden mit ihren christlichen Mübürgern im tiefsten Frieden gelebt latten, bis ein judenfeindlicher geistlicher Redner sich in se.nen Predigten bemühte, den Glauben an Ritualmorde wachzuruftn. Was er vorher gesagt hatte, galt durch das Verschwinden des kleinen Simon als eingetroffen, als man die Leiche in dem Grundstück des angesehenen Trienter Juden Samuel entdeckte. Nach dem Zeugnis eines Trienter christlichen Bürgers Angelius hat der mit Samuel verfeindete Schweizer Zanesur den Knaben ermordet und den Verdacht auf Samuel gelenkt. Dieser und mehrere andere Trienter Juden wurden eingekerkert und aus Anordnung des Bischofs Hin erlach von Trient Monate hindurch peinlich inguiriert. Wie man schließlich von den Unglücklichen durch unsägliche Marterungen Geständnisse erpreßte, darüber geben die noch in der Wiener Hofbibliothek vorhandenen, von Hinderlach s. Z. zu seiner Rechtfertigung nach Rom gesandten Akten genügenden Aufschluß, trotzdem sich annehmen läßt, daß der Bischof die Protokolle nicht in der ursprünglichen Fassung gelassen hat. Der Vortragende schilderte nach diesen Protokollen in ergreifender Weise das unmenschliche Verfahren, dem Samuel und seine Leidensgenossen unterzogen wurden, und das sie mit Heldenmut erduldeten, bis sie unter unerträglichen Qualen sich zu einer Tat bekannten, die sie nicht verübt haben konnten, zu einem Geständnis, das offenbar nur abgelegt wurde, um weiteren Folterungen durch. den Feuertod zu entgehen. Der Papst Sixtus IV. beauftragte später den Bischof von Ventimiglia damit, das schaurige Verfahren des Trienter Bischofs einer Revision zu unterwerfen. Der Bischof von Ventimiglia stellte darauf in einem in Trient und Roveredo geführten Prozesse fest, wie die Juden trotz ihrer Unschuld zu Geständnissen ihrer vermeintlichen Schuld gebracht worden seien, geriet aber angesichts der durch Hinderlach fanatisierten Bevölkerung selbst in Gefahr. Die Freunde Hinderlachs verlangten dann, daß in Rom selbst die Sache nochmals einer Revision unterworfen würde, wobei es sich nicht erwa mehr um die in Rom gar nicht angezweiselte Unschuld der Juden, sondern nur um eine Entschuldigung der sonderbaren Führung des Trienter Prozesses