Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 250 (sequence 3)
- Language
- German
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forbermtg zur Beschäftigung mit Dantes Hauptwerk, einer im dieser besten Sinne „deutschnationalen" Arbeit, faßte der Vortragende in 9 Thesen etwa folgenden Inhalts Zusammen: 1. Die „Commedia" soll in ihrer Bedeutung für das Kulturleben dadurch erkannt werden, daß man sie mit Goethes „Faust" zum Gemeingut der Bildung macht. 2. Deutschland hat durch gelehrte und konfessionelle Behandlung des Gedichts unter Nichtbeachtung der Goetheschen Symboliklehre trotz vielfacher Bearbeitungen Dantes diesen Schatz noch nicht ganz erschlossen. 3. Das dichterische Kunstwerk Dantes soll in der von Schelling angegebenen Weise von ästhetischen Gesichtspunkten aus gewürdigt werden. 4. An der Gott suchenden Menschenseele hat jeder religiös veranlagte Mensch teil. Dantes Credo gibt eine deutliche religiös-sittliche Lösung des Lebensproblems. Z. Damit sind Ultramontanismus und Antisemitismus unvereinbar. Dafür sprechen auch die Verdienste der Juden um die Erforschung und Popularisierung Dantes. 6. Der Charakter des Gedichts ist als ein positiv-christlicher Zu betrachten; Dantes christliches Ideal ist wohl nirgends erreicht, verdient aber von Christen erstrebt, von Juden gewürdigt zu werden. 7. Dantes Duldung ruht auf der Demut vor Gott und der Annahme, daß die Verschiedenheit der Menschen im göttlichen Plane liegt und die Einheit durch sittliche Taten nicht hindert, sondern fördert. 8. Schillers Wort von der „Poesie als Offenbarung" gibt den Schlüssel Zu Dante, der Newton, Kant und Darwin vorausgeahnt hat; durch seine deutschen Klassiker ist Deutschland „Dantereif" geworden. 9. Seine Geistesschöpsungen für die deutsche Jugend und für die Frauenwelt nutzbar zu machen, sind nicht gelehrte „Dante-Gesellschaften" sondern Lesevereine geeignet. In diesen soll man die „Göttliche Komödie" und die eigene Seele verstehen lernen, denn ihr Anfang und Ende sei das „Erkenne Dich selbst". — Den Schluß des genußreichen, mit langanhaltendem Beifall belohnten Vortrages bildete eine meisterhafte Wiedergabe des Ersten Gesanges des großen Werkes. Der Vorsitzende drückte dem Vortragenden in herzlichen Worten den Dank des Vorstandes und der Versammlung für die im besten Sinne ungewöhnliche Leistung aus, deren sympathischer Kern die Mahnung gewesen sei, jedem seine religiöse Ueberzeugung zu lassen und im Menschen nur den Menschen zu sehen. Wenn er die Empfindungen der Versammlung nach diesem begeisternden Vortrage recht beurteile, so sei es angezeigt, dies-