Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-04-01
Page
244 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316740-2316745--15005-2336631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

244 Im deutschen Reich. wenn es sich darum handelte, verarmte Familienmitglieder durch Heiraten mit steinreichen getauften Jüdinnen zu versorgen, ohne in die eigenen Laschen greifen Zu müssen. Die Neugeadelten gehören dem Judentum nicht mehr an, das deshalb durch diese Standeserhöhnng weder eine Auszeichnung erfährt, noch irgendwelchen Vorteil zu erhoffen hat. Ganz ohne Nutzen bleibt diese Auffrischung des Adels durch frühere Juden aber doch nicht, denn der Rassenanusemitismus, den der Erbadel dabei zeigte, wo er keinen direkten Gewinn hatte, hat viel von seinem „Nimbus" eingebüßt. Unzählige werden darüber ebenso denken wie die „Köln. Ztg.", die sich wie folgt äußert: „Bisher suchte ich in den Zeitungen vergeblich danach, ob jemand vom alten Adel das vom Kaiser auf seinem Gute Cadinen gegebene Beispiel der Fürsorge nachgeahmt Hütte. Dagegen erzählte mir ein evangelischer Pfarrer, der in einer Großstadt Gaben für ein Waisenhaus sammelte und annähernd 20000 Mk. Zusammenbrachte, volle 8/4 der Summe seien ihm von Juden übergeben worden. Dieser evangelische Pfarrer rühmte überhaupt die Freigebigkeit und Mildtätigkeit der Juden. Es kommt wirklich nicht darauf an, ob jemand eine lange, eine dicke oder eine krumme Nase hat. Der Adel muß in der Seele wurzeln. Hoffentlich haben wir unter Christen und Juden in unserm weiten Reiche noch viele Adelige, die ihre Namen ohne „von" schreiben. Es ist doch wohl nicht Zu bestreiten, daß in bezug auf Habgier und Geldsucht eine Menge „blonder Juden" unter uns wohnen, die wir ertragen müssen, um so mehr können wir wegen der Neugeadelten, wenn sie sich vorteilhaft von jenen unterscheiden, ohne Sorgen sein." Den Hauptgrund der Sorgen, den sich die Rasseantisemiten über die Neugeadelten gemacht haben und wohl noch machen, hat der antisemitische Abgeordnete Ludwig Werner in einer am 31. März gehaltenen Reichstagsrede verraten, indem er äußerte: „Der alte erbeingesessene Adel wird sehr ungern die Söhne der Herren Caro und Friedländer im deutschen Offizierkorps sehen" und infolge eines Zurufs unter allgemeiner Heiterkeit hinzusügte: „Zu meiner Freude wird mir soeben mitgeteilt, daß beide gar keine Söhne haben." Diesen Mangel hätte Herr Werner kaum so überschätzt, wenn er mit der Genealogie des deutschen Offizierkorps besser vertraut wäre; denn dann hätte er Zahlreiche Offiziere, zum Teil sogar in hohen Rangstellungen, entdeckt, deren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.