Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 243 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 243 sollte man nach sorgfältiger Abwägung darin nicht so wert gehen, daß die freie Erwerbstätigst der christlichen wie auch der jüdischen Gewerbetreibenden dadurch unmöglich gemacht wird." Solche Aeußerungen von sreikonservativer Seite konnte der Staatssekretär von Podbielski denn doch nicht unbeachtet lassen; er begnügte sich aber mit der Versicherung, daß diese Anschauungen voll und ganz den seinigen entsprächen. Es wäre recht erfreulich gewesen, wenn der Herr Staatssekretär zu einer gleichen Zusicherung durch einen weit bedeutsameren Meinungsausdruck des Abg. Kindler veranlaßt worden wäre, der ungefähr wie folgt lautete: „Wenn in der Königlichen Akademie zu Posen der Professor Schiemann einen GeschichLsvortragmit denWorten.schließen durfte:,,Deutschland wird vorwärts kommen trotz Sozialdemokraten, Juden und Polen", dann ist das der Geist des finstersten Mittelalters!" Auf Vorstellung unseres Vertrauensmannes in Posen hat aber sowohl der Kurator als auch der Rektor der Akademie erklärt, dafür sorgen zu wollen, daß die jüdischen Zuhörer in ihren Gefühlen nicht verletzt werden. Daß von dem Geiste des Mittelalters ein großer Teil des Adels noch erfüllt ist, hat sich in den letzten Dezennien wiederholt gezeigt und vielleicht gerade dazu beigetragen, die neu en Ad els v er Leih nn g en zu veranlassen, die in den Kreisen des alten Adels eine Erregung hervorriefen, von der die katholische „Köln. Volkszeitung" treffend sagte: „Die exaltierten Menschen tun so, als ob es sich um den Anbruch einer neuen Weltordnung handele. Schon längst hat es geadelte Juden gegeben, so die Rothschild, Erlanger, Oppenheim, Cohn (Hosbankier Kaiser Wilhelm I.), Bleichröder, Mendelssohn, Königswarter und EichLhal. Wenn jetzt vier neue Familien hinzukommen, so ist das doch gerade kein Umsturz der Weltordnung. Die Herren vom Uradel sind natürlich sehr enttäuscht und betrachten den neuesten Briesadel mit einem Gefühl, das an die bekannte Mahnung des Geheimmittelsabrikanten erinnert: „Vor wertlosen Nachahmungen wird gewarnt!" Das kann man ja schließlich verstehen. Aber der alte Adel wird sich in das Unvermeidliche fügen müssen. Daß er dies mit nicht mehr Grazie getan hat, muß an maßgebender Stelle umso unangenehmer berührt haben, als der alte und höchste Adel durchaus keine Spur von „Rassenantisemitismus" gezeigt hat.