Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Neue Blutlügen
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 229 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue Blrrtlügen. 22fJ Es wird erzählt, daß das Mädchen zum Arzte nach Beneschau gebracht worden sei. Selbstverständlich ist an diesem Märchen kein wahres Wort."- Darauf kommt es anscheinend auch den deutschen Märchenverbreitern nicht an; sie brauchten nun ihre Phantasie nicht weiter anzustrengen, da ihnen ihre österreichischen Freunde den ersehnten Stoff ziemlich mundgerecht verschafft hatten. Die Stettiner „Deutsche Hochwacht" tischte ihren Lesern die angeblich auf dem Seltschaner Bahnhof gemachte schaurige Entdeckung mit der winzigen Veränderung auf, daß sie den Ort der Ausfindung gänzlich unerwähnt und nicht ein durch einen Mundknebel am Schreien verhindertes Mädchen, sondern einen in gleicher Lage befindlichen Knaben in der Kiste finden ließ und die Notiz wieder mit solchen Redensarten verbrämte, wie sie sie im vorigen Jahre bei ihren „Frühlingsbeute" - Notizen in Anwendung gebracht hatte. Bereits am nächsten Tage bot sich ihr aber ein anderer Stoff, bei dem sie nicht einmal nötig hatte, czechische Märchen nach Deutschland zu verpflanzen. In Beuthen waren hinter der Kaserne am 3. April in zwei Säcken die Leichenteile einer männlichen Person gefunden worden. Aus diesem Funde machte die antisemitische „Oberschlesische Zeitung" am selben Tage einen Ritualmord; sie wußte schon, ohne erst den ärztlichen Befund abzuwarten, daß der Körper und die einzelnen Teile blutleer waren; ja, sie wußte auch trotzdem die Leiche fast vollständig verstümmelt war, daß es sich bei dem Ermordeten um einen Nichtjuden handelte. Die „Oberschlesische Zeitung" nahm ohne weiteres an, daß galizische Heujuden die in zwei Säcken untergebrachten Leichenteile beim letzten Wochenmarkt in Beuthen unbemerkt auf die Straße geworfen hätten. Von unbefangener Seite wurde Zunächst angenommen, daß der zweifellos Ermordete durch Vergiftung getötet und nachher Zerstückelt worden sei. In anerkennenswerter Weise trat der Geistliche Rat Schirm eisen im katholischen Bürgerkasino der antisemitischen Handlungsweise der klerikalen „Oberschlesischen Zeitung" mit folgender Erklärung entgegen: „Wir wollen die Juden nicht hassen, weil dies unchristlich ist, und ich mißbillige es, daß eine derartig schwere Anklage ohne Grund in der Zeitung geschrieben wird. Ich erkläre, daß ich die Juden durchaus