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Im deutschen Reich · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. 228

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Neue Blutlügen
Date
1906-04-01
Page
228 (sequence 3)
Language
German
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228 Im deutschen Reich. Prozeße hat selbst der antisemitische Schriftsteller Pfarrer Deckert festgestellt, daß jene Geständnisse durch Glutpfannen mit Schwefel, die man den Angeklagten unter die Nase stellte, und durch glühend heiße Eier, die man unter ihre Achseln legte, erzwungen wurden. Ein Wiener Blatt bemerkt deshalb zu der Interpellation des Herrn Sturm und Genossen: „Wlr sind nicht grausam, aber fast würden wir wagen, auszusprechen: Menschen, die aus solcherart Zustande gekommenen Geständnissen heute noch juristische Schlüsse so furchtbarer Art ziehen, würden es wahrlich verdienen, solcher Tortur unterzogen zu werden." Ausfallen muß es, daß man in Wien im Parlament solche aufreizenden Ritualmord-Märchen vorzubringen wagen darf, während selbst in Galizien dagegen mit Entschiedenheit reagiert wird. Fast zu gleicher Zeit mit der Einbringung der erwähnten Interpellation hatte in der 5. Klasse des Realgymnasiums zu Lemberg der Lehrer Bieganowski es als eine „historisch feststehende Tatsache" bezeichnet, daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut verwenden, und für diese Behauptung den Prozeß Hilsner ins Treffen geführt. Wenn der Beweis hiefür nur in den verhältnismäßig seltenen Fällen erbracht worden sei, so sei des lediglich darauf zurückzusühren, daß die Juden bei Entdeckung derartiger Geschehnisse die Richter zu beeinflussen wüßten. Der Gymnasialdirektor Staromiejski, dem der Rel.gionslehrer Rabbiner Dr. Margulies und eine jüdische Deputation diesen die gesamte Bevölkerung erregenden Vorfall zur Kenntnis brachten, versprach, gegen Bieganowski eine strenge Untersuchung einzuleiten und das Ergebnis ffem Landesschulrate in Lemberg zu unterbreiten. Dies ist geschehen und Zunächst Bieganowski an ein anderes Gymnasium versetzt worden, aber seine czechischen Gesinnungsgenossen sorgten dafür, daß das Märchen des Blutrituals dem Gedächtnis nicht entschwinden solle. Bald darauf sah sich die Redaktion der „Monatsschrift der Oesterreich-israel. Union" zu nachstehender Veröffentlichung veranlaßt: „Ostern naht und wieder erneuern sich die alten Märchen, daß die Israeliten nach dem Blute christlicher Mädchen trachten. Der „0as" erhielt Nachrichten, daß besonders in Seltschau und Veneschau ungeheuerliche Gerüchte zirkulieren. Auf dem Seltschaner Bahnhofe soll in einer Kiste, deren Inhalt als Glas deklariert war, ein Mädchen gefunden worden sein, das einen Mundknebel hatte, damit es nicht schreien konnte.

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