Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Die Rießer-Gedenkfeier des Central-Vereins
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 222 (sequence 6)
- Language
- German
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222 Zw deutschen Reich. weit gebracht, s o weit in der Taft wie selbst Gabriel Rießer für eine so nahe Zukunft nach seinem Tode kaum erhofft haben dürfte. Herrlich weit, denn was er als Größtes sich ersehnt, was er in kühnster Phantasie geträumt hatte, das ist wenige Jahre nach seinem Tode erreicht worden: das geeinte deutsche Vaterland und mit ihm die Gleichberechtigung der Bürger aller Bekenntnisse, also auch der Juden. Freilich würde man, wenn die Sache nicht so fürchterlich ernst wäre, auch mit leiser Ironie hinzusetzen wollen: wir haben's bis an die Sterne weit gebracht — aus dem Papier. Es ist uns die Gleichberechtigung geworden, sür die Rießer gekämpft und gestritten, Gesetz und Verfassung stehen uns zur Seite, und noch weniger, als er an diese nahe Erfüllung seiner Träume gedacht, noch weniger Härte er es für möglich gehalten, daß in diesem geeinten Deutschland Recht und Verfassung gar so bald mit Füßen getreten würden, und daß der Kampf um die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, der mit der Verkündung des Gesetzes betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen ausgekämpft schien, so bald und in so hartem Maße wieder würde ausgenommen werden müssen. Er hätte vielleicht mit seiner durchdringenden Klugheit vorausgesehen, was viele andere leider als Zeichen der Zeiten nicht beachtet hatten. Wir alle, die wir hier sind, wir alle, die wir jene große Zeit schon mrterlebt haben als denkende oder schon halbwegs denkende Menschen, haben den Fehler begangen, daß wir wähnten, mit der gesetzlichen Verbriefung der Gleichberechtigung sei auch die wirkliche gewährleistet; wir haben nicht daran gedacht, was auch Goethe uns lehrt: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen! Wir freuten uns des Besitzes, der uns, den Epigonen, mühelos zuteil geworden war, wir ahnten nicht, daß, was mühelos gewonnen, gar leicht zerronnen ist. Wir ruhten aus auf den Lorbeeren derjenigen, die, wie Rießer, uns das erkämpft haben, was uns als reife Frucht in den Schoß gefallen. Und dann erst wurden wir durch den allmählichen Verlust dessen inne, was wir besessen, was er uns erstritten hatte. Dann erst wurde uns klar, daß, wenn wir besitzen wollen, wir selbst erwerben müssen, daß wir selbst kämpfen müssen, und es freut mich und gereicht mir zur besonderen Genugtuung, daß ich in diesem Kreise, umgeben von einer in so stattlicher Zahl erschienenen jüdischen akademischen