Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Die Rießer-Gedenkfeier des Central-Vereins
- Date
- 1906-04-01
- Page
- 220 (sequence 4)
- Language
- German
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220 Im deutschen Reich zum Schluffe angestimmt: „Darum freuet sich mein Herz, ist fröhlich meine Seele", und es erklingt der Anruf an Gott: „Du zeigst mir an den Pfad des Lebens". Das ist die Gesinnung, in der mir Rießers gedenken müssen. Er ist geboren am Vorabend des Befreiungsfestes. Er war ein Befreier für sich und für uns. Er sah die Zeit der Befreiung noch nicht ganz gekommen, aber er glaubte an eine goldene Zeit. Ein Stück von diesem Glauben ist in jedem menschlichen Gemüte vorhanden. Wir sprechen mit Rießer: „Der Glaube an die Macht und den endlichen Sieg des Rechts, das ist unser Messiasglaube." Aber freilich, diese Messiaszeit ist noch nicht gekommen, und so schauen wir im Geiste ferne Zukunft, wo der Tempel errichtet ist, in welchen diejenigen wallen, die als Söhne eines Landes gleiches Recht und volle Freiheit besitzen mit den andern. In diesem Tempel grüßen wir gar manche, die uns als Heilige erscheinen. Wir verehren den idealen Sinn Schillers und der Großen in Weimar, von denen auch Rießer gar manche nach ihrer Bedeutung gewürdigt hat. Wir neigen unser Haupt demütig vor Lessing, der mit Mendelssohn im innigen Bunde stand, und dessen Seele wir vererben mit seinem Denken, vor Lessing, als dem Manne, der uns Juden zu Menschen machte. Wir gehen auch nicht vorbei an Ludwig Börnes Bild, der uns zu Kämpfern weihte. Aber vor das Bild Gabriel Rießers treten wir mit einer Art heiliger Scheu. Wir geloben uns vor dem Bilde mit seinen Worten: „Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Bild der deutschen Freiheit entzündet und genährt. Der Hauch der Freiheit, der über die Deutschen der neuen Zeit zog, hat die schlummernden Freiheitshoffnungen geweckt, und manche frohe Aussicht ist ihnen schon seitdem geworden. Wir wollen dem deutschen Vaterlande an gehören; wir werden ihm allerorten angehören. Es kann und darf von uns fordern alles, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist. Willig werden wir ihm alles opfern, nur Glaube und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und