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Im deutschen Reich · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. 186

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1906-03-01
Page
186 (sequence 14)
Language
German
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186 Im deutschen Reich. Katschubey sagte: „So sein wird höchstens noch Gras Pückler behandelt, der sich ja tatsächlich Richtern und Staatsanwälten gegenüber alles erlauben darf." Bei der fortgesetzten Beratung des Reichsjustizetats hat der antisemitische Abg. Böckler sich noch schärfer als die Sozialdemokraten über die Justizbehörden geäußert, um seinen Aerger über das Verfahren gegen seinen Freund Krösell Zum Ausdruck Zu bringen, Die Behauptung, daß die Staatsanwaltschaft in Stargard mit dem Erlaß eines Steckbriefs vorsichtiger gewesen wäre, wenn es sich um einen reichen Juden gehandelt hätte, streifte an das Komische, zog aber dem Redner einen Ordnungsruf zu. Die Behauptung des sozialdemokratischen Abg. Stücklen, daß bei uns „Klassenjustiz" herrsche, fertigte der Staatssekretär Nieberding durch die Versicherung ab, daß er glauben würde, vom richtigen Wege abgekommen zu sein, wenn die Sozialdemokraten einmal bezeugten, Vertrauen Zu unserer Justiz zu haben. Es wäre aber doch wohl besser, wenn niemand Anlaß hätte, ein solches Mißtrauen zu äußern. Der neue preußische Justizminister hat offenbar erkannt, wo der Hebel anzusetzen ist, um den breiten Volksschichten wieder volles Vertrauen zur Rechtspflege und hohe Achtung vor ihren Trägern einzuflößen, indem er einerseits den Nachwuchs der richterlichen Kreise vor Taktlosigkeit und einem „nicht vornehmen" vorurteilsvollen Verhalten warnte, andererseits aber seine Achtung vor der Unabhängigkeit des Richterstandes kundgab. Wenn darauf gehalten wird, dann werden die berufenen Anwärter des Richterstandes nicht den Spuren des Jmponderabilien-Ministers, sondern denen Waldecks und Taddels folgen, besonders des letztgenannten, der in charaktervoller Haltung Zur rechten Stunde auf eine unbillige Zumutung dem Polizeipräsidenten entgegnete: „Herr von Hinckeldep, das schickt sich nicht!" Wie weit das Wort: „Die -Politik verdirbt den Charakter!" richtig ist, mag dahingestellt bleiben, aber sicher ist es, daß die Politik in der Rechtspflege diese arg verwirrt! In den weitesten Kreisen Oesterreichs wird diese Ueberzeugung durch die Wiederauffrischung des Hilsner- Strafprozesses bekräftigt, den am 10. Februar der frühere Oberlandesgerichtspräsident I)r. Karl Krall öffentlich als „eine Urkunde von einzigartiger Bedeutung für die Kulturgefchichte des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts" bezeichnet.

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