Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Voltaire und die Juden
- Date
- 1906-03-01
- Page
- 169 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Voltaire und die Juden. 169 Lat er, indem er den Abschluß eines Pelz- und Diamantenhandels in dem Eide zugestand. Auch dieses beschwor er, ohne aber damit eine Bestrafung Hirschels für die falsche Beschuldigung zu erzielen. Bei alledem ist die Strafe von 10 Thlrn., die Hirschel wegen der Ableugung seiner Unterschrift auferlegt wurde, kaum bemerkenswert. Voltaire hat hernach mit großem Apparat die Verkündigung seines glänzenden Sieges in Szene gesetzt, und man hat lange geglaubt, daß er in der Tat einen Erfolg errungen habe. Selbst Mangold möchte ihm den Sieg zuerkennen. In Wahrheit hat er nichts erreicht, was er erstrebt hätte, während Hirschel nichts verlor von dem, was er verteidigte. Ja, wir dürfen überzeugt sein, daß Hirschel weit mehr hätte bewirken können, wenn ihm nicht der Streit zu lästig geworden wäre: hatte doch der Vater den Gram über den ganzen Handel nicht überstehen können und war nicht lange nach der, wenn auch nur kurzen Haft des Sohnes ins Grab gesunken. Kann nach alledem noch Mangolds Frage berechtigt erscheinen: „Wer der größere Schelm war, mag der Leser entscheiden?^ — Es kann Hirschel nicht mehr Unrecht geschehen, als wenn die Möglichkeit der „Schelmerei" bei ihm inbetracht gezogen wird. Ueberall stellte er sich mit offenem Visier seinem Gegner; nichts von all den Jntriguen, deren Voltaire sich schuldig gemacht hat, dient ihm als Kampfeswaffe, um einem etwa zweifelhaften Rechte den Sieg zu verschaffen. Allein daraus, daß er eine Unterschrift leugnete, die er hernach anerkannte, könnte ihm ein Borwurf gemacht werden; aber auch das ist dem unbefangenen Leser der Akten nach den von Hirschel angegebenen Gründen verständlich. Man nehme aber auch seine Gemütsverfassung hinzu; mußte er doch einen aufgedrungenen Rechtshandel aufnehmen, in Folge dessen ein Vater ihm geraubt wurde; mußte er doch um Ehre und Ansehen, um Hab und Gut einen verzweifelten Kampf gegen Lüge und Entstellung führen! Der Vorwurf müßte aus der Stimmung Hirschels heraus, in die ihn die Kampfesweise Voltaires bringen mußte, verstanden und entschuldigt werden. Andererseits aber darf es für Voltaires Verhalten keine Beschönigung geben; mag es sich auch um einen Mann handeln, der auf anderem Gebiete unsterblich ist und bleiben wird: hier muß er aufs schärfste verurteilt werden; die Wahrhaftigkeit ist die Grundlage aller Sittlichkeit.