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Im deutschen Reich · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. 158

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Blütenlese
Date
1906-03-01
Page
158 (sequence 9)
Language
German
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158 Iw deutschen Reich. noch nicht gelernt haben, dasselbe da, wo es Verachtung verdient. Zu verachten? Die Juden selbst, auch die weniger gebildeten, achten und ehren jedes in ihrer Mitte ausstrebende Talent, werden aber leicht irre daran durch die von außen fehlende praktische Anerkennung, durch die Unbrauchbarkeit, zu welcher es oft durch die Unduldsamkeit des Staates verurteilt ist und durch die verletzende Erfahrung, daß die ausgezeichnetsten Talente so oft ihrer Religion zu entsagen sich genötigt sahen, wenn sie nicht Seelenstärke genug hatten, um auf eine angemessene Stellung im Leben zu verzichten. Nur die eine Auszeichnung des Reichstums ist von dem allgemeinen Anathem ausgeschlossen; seine Kraft erweist sich allein unwiderstehlich; der Glanz des Goldes allein überstrahlt in den frommen Gemütern das Licht des Glaubens und schimmert durch das schwärmerische Zwielicht ihrer Lieblings- Vorurteile hindurch; der Reichtum des Juden allein erringt jede Auszeichnung, auf welche der Reichtum des Christen nur irgend Anspruch machen könnte; in diesem Gebiete allein herrscht Freiheit und Gleichheit. Es gibt in diesem Augenblicke schwerlich eine einzige deutsche Regierung, von welcher nicht das Talent eines Juden eine Zurücksetzung, das Geld eines Juden eine Huldigung erfahren hätte, sie möge nun in Orden, Titeln oder Adelsdiplomen bestehen. (!) Der Reichtum ist daher bei der Emanzipationsfrage durchaus unbeteiligt; er hat, was er nur irgend haben kann, und wir dürfen uns daher nicht darüber wundern, wenn er, falls er egoistisch ist, manchmal an dieser Frage eben keinen lebhaften Anteil zu nehmen scheint. Es ist daher ebenso verkehrt, als es der Ausdruck einer überaus niedrigen Gesinnung ist, wenn man, wie es mehrere Redner in der vorliegenden Verhandlung getan, bei der Erörterung der Emanzipationsfrage den Reichtum einzelner Juden eine so große Rolle spielen läßt. Die Leute müssen von dem Golde eines einzelnen so geblendet sein, daß sie die vielen Tausende, die nichts davon haben, daneben ganz übersehen. Was in aller Welt gilt uns der Reichtum, uns allen, die wir nicht reich sind, die wir nichts haben, um durch die Welt zu kommen, als unsere leiblichen und geistigen Kräfte, deren vollen, freien, unverkümmerten Gebrauch wir in Anspruch nehmen und weiter nichts, weiter garnichts? __

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